Home
Angebote
Fächerangebot
Werte und Normen
Die von Remter 05 veranstaltete Podiumsdiskussion fand im Rahmen des Unterrichtsthemas „Jugend und Werte“ statt, mit dem sich die Schüler in den Fächern Philosophie und Werte und Normen momentan auseinander setzen.
Die Diskussion, an der Experten aus den Fachbereichen Philosophie, Theologie, Pädagogik und Psychologie teilnahmen, wurde mit einem Film eingeleitet, der sich allgemein mit dem Thema Jugend und deren Wert- und Zukunftsvorstellungen befasste, sowie mit der Meinung der älteren Erwachsenen zu unserer Generation.
Bei einer Befragung verschiedener Personen stellte sich zum einen heraus, dass Jugendliche teilweise recht utopische Vorstellungen von ihrer Zukunft haben und sich mit politischen Themen kaum auseinander setzen, dass einige dagegen wiederum erstaunlich realistische Ziele haben und auch durchaus mit der aktuellen Politik sowie der politischen Vergangenheit ihrer Heimat vertraut sind.
Des Weiteren zeigte sich, dass die Jugend von der älteren Generation zwar oft als perspektivenlos und verwöhnt, aber allgemein nicht als negativ eingestuft wird. Besonders aufgefallen ist, dass die heutigen Jugendlichen aufgrund ihrer Situation hauptsächlich bemitleidet werden.
Doch ist die Situation der Jugend im Moment wirklich so aussichtslos? Welche Werte bleiben dieser Generation noch und welche gingen verloren?
Mit dieser Frage beschäftigte sich die von Hendrik Poschmann (Jg. 12) und Jan-Peter Möhle (Jg. 13) geleitete Diskussion zunächst.
Laut Pater Fritz Wiegand (Kloster St. Albertus Magnus) ist die Frage nach dem Verfall der Werte eindeutig überflüssig. Seiner Meinung nach werden Werte, in diesem Fall kirchliche, von Generation zu Generation weitergereicht und in diesem Zusammenhang auch immer wieder überarbeitet und neu definiert. So lässt sich kein konstanter Wertebegriff festlegen, da in der einen Generation Werte hervorgehoben werden können, die in der vorausgegangenen noch keine Bedeutung hatten.
Unsere Generation – die Jugend – hat also wie jede andere ihre ganz eigenen Werte, nach denen sie sich richten müssen und auch richten wollen.
Obwohl sich Werte also je nach Kultur, Zusammenleben in der Gesellschaft und vor allem Vernunft richten und sich stetig wandeln, nennt er die drei Werte nach Paulus, nach denen sich allgemein jede Generation richten kann: Hoffnung, Liebe und Glaube. Solch Werte blieben grundlegend bestehen und würden von Generation zu Generation nur neu ausgelebt.
Der Erziehungswissenschaftler Dr. Thomas Gatzemann (TU Braunschweig) geht die Fragestellung von einer anderen Seite aus an. Er differenziert zwischen den „privaten“ Werten, wie z. B. Verlässlichkeit, solche Werte, die man an die eigenen Kinder weiter gibt und nach denen man das eigene Leben gestaltet, und Werten, die einem durch ein größeres System auferlegt werden, wie zum Beispiel das allgemeine Ziel der Wissenschaft, die Dinge zu erklären und die Wahrheit darüber herauszufinden. Es ist also situationsabhängig, ob man sich auf individuelle oder allgemeine Werte beruft.
Laut Gatzemann besteht das Problem darin, dass oft die eigenen Werte mit denen anderer im Widerspruch stehen oder die kollektiven Werte den privaten Werten anderer zum Opfer fallen.
Eine mögliche Übertragung auf unsere Generation könnte sein, dass wir zwar unsere persönlichen Wertvorstellungen haben, diese aber aufgrund des Drucks von außen nicht ausleben können, da die heutige Wirtschaft und der Arbeitsmarkt uns materialistische und darwinistische Werte aufzwingen.
Der Entwicklungspsychologe Prof. Dr. Werner Deutsch (TU Braunschweig) sieht Werte eher als Teil der Erziehung an, der auch durch die Schule vermittelt wird. Er befasst sich in seinem Beruf unter anderem mit der Beurteilung verschiedener pädagogischer Methoden, von denen jede für ihn einen neuen Wertekomplex darstellt, der die Jugend beeinflussen kann. Werte sind also auch seiner Meinung nach etwas Wandelbares, das sich in jeder Generation unterscheidet, allerdings nicht aus eben dieser Generation stammt, sondern von älteren vorgegeben wird.
Die wohl interessanteste These zum Thema Werte stammte jedoch von Dr. Wolfgang Buschlinger (TU Braunschweig). Als Philosoph empfindet er die Frage nach dem „Verfall“ der Werte schlichtweg als langweilig und sinnlos, da so etwas wie Werte seiner Meinung nach überhaupt nicht existieren und dieser Begriff von der modernen Philosophie schon lange als überholt abgestempelt wurde.
Er betont jedoch auch, dass er die Frage aus der Perspektive eines Philosophen und nicht aus der eines Alltagsmenschen beantwortet hat, also scheint es ihm für den einzelnen doch Werte zu geben. Sie sind von Person zu Person unterschiedlich, werden durch den Charakter entwickelt und bestimmen die Art, wie das Individuum sein Leben gestaltet. Werte drücken sich hauptsächlich in den Zielen aus, die man sich im Leben gesetzt hat, von daher wäre diese Bezeichnung wohl auch angebrachter und würde den Bezug zum Individuum hervorheben.
Allem Anschein nach sollte es in dieser Diskussionsrunde also weniger darum gehen, ob in der jugendlichen Generation Werte verloren gegangen sind. Vielmehr musste zunächst die Frage geklärt werden, was Werte überhaupt sind und ob man diesen Begriff objektiv definieren kann.
Dies scheint nicht der Fall zu sein.
Wie Buschlinger geht auch Deutsch davon aus, dass Werte hauptsächlich vom Subjekt abhängig sind. Dieses wiederum ist abhängig von anderen Menschen in seiner Umgebung, somit zielen Werte also auf das funktionierende Zusammenleben hin. Dadurch ist es fast unmöglich, zwischen objektiven und subjektiven Werten zu differenzieren, jedoch scheint das Subjektive allgemein im Vordergrund zu stehen.
Das, was wir heute als objektive Werte betrachten, seien laut Deutsch eher Normen.
Wenn jedoch Werte allein vom Subjekt ausgingen, wie könnte dann das Zusammenleben in einer Gesellschaft überhaupt möglich sein? Ist nicht eben hierfür ein gewisser Wertekonsens nötig, also doch eine Art objektiver Wertebegriff?
Auf diese Frage scheint zunächst niemand der Beteiligten eine befriedigende Antwort zu finden.
Dagegen gibt Pater Fritz eine ziemlich eindeutige Antwort auf die Frage, welchen Nutzen Werte im Leben eines Menschen überhaupt haben: Werte bieten einen gewissen Schutz, einen Rahmen, in dem man sich entfalten kann, außerdem die Möglichkeit, das eigene Glück zu finden und zuletzt auch die Sozialität, die für das Leben in einer Gemeinschaft von Nöten ist.
Werte scheinen also hauptsächlich dem Zusammenleben in einer Gesellschaft zu dienen. Wie ist dies jedoch vereinbar mit der These, dass Werte allein vom Subjekt ausgehen? Ist es denn möglich, dass Generationen zusammen existieren können, wie beispielsweise auch in Rousseaus Idee des Gesellschafts-Vertrags vorgesehen, wenn jedes Individuum seine eigenen Werte hat und sich diese in jeder Generation sowieso noch einmal völlig verändern? Wie kann der Verfall einer Gesellschaft verhindert werden, wenn man sich nie auf einen minimalen Wertekonsens einigen kann? Diese Frage scheint unvermeidbar, wenn man sich mit dem Thema Werte beschäftigt.
Dr. Buschlinger lässt sich nun auch endlich zu einer eindeutigen Definition des Wertebegriffs hinreißen:
Werte sind die Wichtigkeit, die man einem bestimmten Verhalten beimisst, und zwar sowohl im Bezug auf sich selbst als auch auf andere. Dies ist und bleibt subjektiv, und ethische Diskussionen über verschiedene Wertvorstellungen dienen nicht etwa der Bildung eines Wertekonsens, sondern der Kompromissfindung.
Das beantwortet auch die Frage, wie eine Gesellschaft bestehen kann, wenn jeder seine eigenen Werte auslebt.
Früher funktionierte dies auf die falsche Weise, nämlich indem sich viele den Werten einer kleinen Gruppe und den von ihnen vorgegebenen Normen unterwerfen mussten.
Heute richtet man sich nach den oben genannten Kompromissen. Jeder lebt sein Leben nach seinen Werten und bleibt dabei in seinem eigenen abgegrenzten Raum, wobei er den Werten des anderen nicht in die Quere kommt, also ganz nach dem Prinzip „Die Freiheit des einen fängt dort an, wo die des anderen aufhört.“
Auch Prof. Dr. Deutsch misst den individuellen Werten eine größere Bedeutung bei als einem allgemeinen Wertebegriff. Die Bürgererziehung, die Rousseau in seinem Werk Emil beschreibt, sei nicht der richtige Weg in eine funktionierende Gesellschaft. Vielmehr müssten sich die Werte immer wieder neu bilden. Zwar spielt die familiäre Erziehung hierbei nach wie vor eine große Rolle, aber mindestens ebenso wichtig sind die eigene Weltanschauung (also Religion im weitesten Sinne) und vor allem das Bewusstsein und das Nachdenken über die eigene Endlichkeit. So formt sich für jedes Individuum ein eigener Charakter, mit dem eigene Werte einhergehen.
Zuletzt schließt sich auch Dr. Gatzemann der These an, dass man persönliche Werte in den Vordergrund stellen müsse. Er verurteilt die gesellschaftliche Manipulation im Hinblick auf diese inneren Werte und verlangt, die Fähigkeit des Einzelnen, für seine Werte einzustehen, zu fördern.
Die Werte, die jeder für sich selbst festlegt, kommen erst in extremen Situationen wirklich zum Vorschein, wenn man nämlich gezwungen ist, seine Prinzipien gegenüber anderen zu verteidigen (Beispiel: Martin Luther in Worms „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“). Diese Authentizität fehlt laut Gatzemann in unserer heutigen Gesellschaft, dabei ist gerade eine Diskussion über Werte nötig, um sich über die eigenen Prinzipien klar zu werden. Die Manipulation von außen wird so immer einflussreicher.
Im Zusammenhang damit drängt sich eine weitere Frage auf: Wenn die individuellen, persönlichen Werte von so großer Bedeutung sind, wie kann dann das Bestehen einer Institution wie der Kirche gerechtfertigt sein, deren Wesen darin besteht, ihren Anhängern Werte vorzuschreiben?
Mit dieser Frage richtet sich Hendrik an den Vertreter dieser Institution, Pater Fritz, der erneut darauf hinweist, dass die kirchlichen Werte immer wieder neu definiert werden und somit keineswegs mit den individuellen Werten im Widerspruch stehen.
Doch sind Werte tatsächlich so individuell? Gibt es nicht bestimmte Muster, die in unserer Generation immer wieder auftreten? Bestimmte Leitmotive, aus denen man wählt und nach denen man sich anschließend auch richten muss?
In dem zu Anfang gezeigten Film wurde zum Beispiel erkennbar, dass einige die Gründung einer eigenen Familie in den Vordergrund stellen, andere jedoch die eigene Karriere als wichtiger beurteilen; somit gestalten sie ihr Leben dementsprechend und leben nach bestimmten, unterschiedlichen Werten. Kann man also sagen, dass diese beiden Wertemodelle miteinander konkurrieren?
Laut Dr. Buschlinger kann man das durchaus nicht. In der heutigen Zeit werden durch den Neoliberalismus verschiedenen Teilen der Gesellschaft einzelne Wertemodelle aufgezwungen. Im Bezug auf das einzelne Individuum ist eine Konkurrenz überhaupt nicht möglich. Zudem widerspricht er auch der These Deutschs, die Prinzipientreue sei der beste Schutz vor der Manipulation von außen. Vielmehr sei es die Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber. Es käme nicht darauf an, in einer Diskussion mit anderen seine Prinzipien verteidigen zu können, man müsse sich nur selbst daran halten.
Dem stimmt im Grunde auch Dr. Gatzemann zu. Seiner Meinung nach ist der beste Weg zur Bildung einer Gesellschaft die Subjektivität. Jedoch könne man nur über Auseinandersetzungen wirklich zu einem funktionierenden Gesellschaftssystem finden. So entstünden auch die Grundgesetze, in denen die Wertvorstellungen mehrerer auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht werden.
Ein gewisser Anteil an Normen scheint durchaus notwendig zu sein. Dem stimmt auch Prof. Dr. Deutsch zu. Er merkt an, dass bestimmte Werte durch die Erziehung immer vermittelt werden müssen.
Im Großen und Ganzen scheint es doch recht schwer, den Begriff Werte an sich zu definieren und bräuchte um einiges mehr Zeit als die 90 Minuten Podiumsdiskussion, die zur Verfügung standen.
Das Gespräch schlug sehr bald eine sehr philosophischen Richtung ein, was dem Rahmen aber ja durchaus nicht widersprach. Zwar wurde nur wenig über die Jugend und den von vielen bemängelte Werteverfall diskutiert, jedoch kam die Runde meiner Meinung nach zu einem viel interessanteren Fazit:
Es gibt keine allgemeinen Werte, keine genormten Richtlinien, nach denen wir unser Leben gestalten können. Werte sind vielmehr ein Zusammenspiel aus Tradition und Vernunft, aus Erziehung und eigenem Denken, von sozialem Umfeld und Individualität. Sie machen den Charakter aus und jeder muss sie für sich neu entwickeln; die Werte, auf die sich Menschen im Alltag berufen, sind nichts als Normen, teils längst überholt.
Wer also weiterhin behauptet, die Jugend von heute hätte keinerlei Werte mehr, dem kann man getrost entgegnen, dass wir durchaus Werte haben, nur eben unsere eigenen. Oder vielleicht auch, dass es so etwas wie Werte nicht gibt und auch nie gegeben hat. So oder so ist diese These widerlegt.
Es bleibt nur noch zu sagen, dass es eine sehr angeregte und gut moderierte Diskussionsrunde war, über die man sich auch im Nachhinein noch Gedanken machen konnte.
Philine Köln (Jg. 12)