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Ansprache zum Abiturgottesdienst 2009
über Ps 139

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern, Verwandte und Freunde unserer Abiturienten, liebe Kolleginnen und Kollegen!

SpielszeneBitte umsteigen! Dieser Zug endet hier.

In dem Motto, dass ihr euch für diesen Gottesdienst ausgesucht habt, ist ja eine ganze Gemengelage an Stimmungen und Gefühlen enthalten, je nachdem, wie man die Satz betont und ausspricht.

Große Erleichterung z.B.: Gott sei dank: Der Zug endet hier. Geschafft. Dreizehn – oder auch 14 - Jahre überstanden. Durchgekommen. Womöglich mit letzter Kraft die Endstation erreicht. Anders als das Wort vermuten lässt, waren 13 Jahre Staatsurlaub doch auch verdammt anstrengend.

Da mischt sich aber auch Stolz und Freude mit hinein: Wir haben's geschafft! Und gar nicht mal schlecht. Wir haben uns jede Menge Wissen angeeignet und Kompetenzen, sind gut gerüstet wir die Weiterfahrt. Und wir hatten 'ne Menge Spaß unterwegs. Abitur in der Tasche. Jetzt kann´s weitergehn. Bitte umsteigen!

Und ein wenig Wehmut mag auch mitklingen: Nun ist die Schulzeit endgültig vorbei. Nicht, dass ich annehme, dass euch die Schule an sich wirklich fehlen wird, aber doch vielleicht, dass ihr eure Schulfreunde nicht mehr selbstverständlich jeden Tag seht, gemeinsame Unternehmungen wie Wandertage, Kurstreffen oder Austauschfahrten, all das, was für euch zu den schönen, und sicherlich auch prägenden Erfahrungen in der Schulzeit gehört. Das ist jetzt erst mal vorbei. Dieser Zug endet hier.

Ich kann mir vorstellen, dass Sie, liebe Eltern, den heutigen Tag mit einer ganz ähnlichen Gefühlsmischung aus Erleichterung, Stolz und auch ein wenig Wehmut gemischt mit dem einen oder anderen sorgenvollen Gedanken an die Zukunft ihrer Kinder erleben.

In euren Begegnungen auf dem Bahnsteig eben habt ihr jedenfalls zum Ausdruck gebracht, dass ihr jede Menge wertvoller Dinge aus eurer Schulzeit in euren virtuellen Reisekoffern mitnehmt. Neben der gewonnen Allgemeinbildung und den sozialen und diversen anderen Kompetenzen vor allem auch Freundschaften und Erinnerungen an gemeinsam Erlebtes. Jeder von euch wird da seinen ganz persönlichen Koffer packen mit dem, was ihm, was ihr wichtig geworden ist.

Auch ich möchte euch heute noch etwas mitgeben auf euren Weg. 3 Wünsche nämlich.

Zunächst: (Scheuklappen zeigen!)

Könnt ihr erkennen, was das sein soll? Was – ebensowenig zu erkennen wie so manches Tafelbild? Also: es handelt sich um Scheuklappen. Die hat man zu früheren Zeiten den Pferden seitlich der Augen angebracht, damit sie sich nicht von Dingen außerhalb des Weges ablenken und aus dem Trab bringen ließen.

Die wünsch ich euch natürlich nicht! Gott bewahre! Im Gegenteil: Ich wünsche euch offene Augen, offene Ohren und vor allem ein offenes Herz.

Die sind heutzutage – finde ich – nämlich mehr als nötig.

Mein Eindruck ist – um beim Bild des Zugverkehrs zu bleiben – dass in unserer Gesellschaft der Trend nach wie vor in Richtung ICE geht: Möglichst schnell von einem Ort zum nächsten, möglichst das Ziel schnell erreichen.

Ich fahre ab und an ganz gern mal mit dem Zug. Und was ich dabei eigentlich besonders schön finde, ist, dass man da in Ruhe aus dem Fenster gucken kann und sieht, wie die Landschaft an einem vorüberzieht. Aber im ICE? Entweder sieht man gar nichts, bzw. schwarze Fensterscheiben – dann ist man im Tunnel; oder Wälle links und rechts. Oder Lärmschutzmauern. Landschaft ist jedenfalls kaum noch zu sehen. Dafür ist man eben schneller da. Den Preis muss man dafür zahlen.

Etwas Ähnliches – so fürchte ich – passiert an vielen Stellen unserer Gesellschaft, besonders auch im Bildungssystem. Auch an der Schule und an den Unis geht der Trend in die gleiche Richtung: Möglichst schnell und effektiv ans Ziel. Abitur nach 12 Jahren (ihr hattet´s da ja noch gut, ihr durftet noch Bummelzug fahren …). Und auch in den meisten Bachelor-Studiengängem geht es darum, in möglichst kurzer Zeit möglichst viele berufsnotwendige Kompetenzen zu erwerben: schnell und effektiv eben. Leider – fürchte ich - besteht dabei die Gefahr, dass man ähnlich wie im ICE – von der Welt außerhalb des Zuges nicht mehr so viel mitbekommt, und dann leicht mit Scheukappen durchs Leben rennt.

Deshalb wünsche ich euch zuallererst offene Ohren, offene Augen und ein offenes Herz, damit ihr weiterhin wahrnehmt, was um euch herum passiert; nicht nur das, was gerade „zielführend“ ist. Sowohl die schönen Dinge am Wegesrand des Lebens, die man nicht übersehen, sondern an denen man sich freuen sollte (da habe ich nach den Fotos aus eurem Jahrbuch allerdings keine allzu großen Sorgen). Aber dass ihr auch die Kommilitonin oder den Arbeitskollegen neben euch wahrnehmt, der/dem es vielleicht nicht so gut geht und die oder der Hilfe braucht. Und natürlich die Dinge, die in der Gesellschaft und in der Welt um euch herum passieren: Nehmt sie wahr, hört hin, nehmt sie euch zu Herzen: dass ihr an der richtigen Stelle handelt und euch engagiert.

Ein zweites: (Kompass)

Ich wünsche euch einen guten inneren Kompass, der euch hilft, einen guten Weg für euer Leben zu finden. Das ist ja nicht immer so einfach. So viele Möglichkeiten, immer wieder neu Entscheidungen zu fällen, und nicht immer abzusehen, wohin der eingeschlagene Weg schlussendlich führt.

Jedenfalls wünsche ich euch, dass ihr euren eigenen Weg findet. Den Weg, der euch entspricht. Dass ihr euch selbst auf diesem Weg treu bleiben könnt und nicht verbiegt – wie auch immer eure Lebensplanung aussieht und ob sie gelingt oder nicht. Dass ihr euren Platz und eure Aufgabe im Leben findet. Und in alldem die beglückende Erfahrung macht, segensreich sein zu können für andere Menschen.

Als Fortbewegungsmittel, um den richtigen Weg zu finden, ist so ein ICE sicherlich auch unbedingt geeignet. Wenn man erstmal in den falschen Zug gestiegen ist, hält der sobald nicht wieder.

Ich möchte euch deshalb Mut machen, ab und an einen Gang herunterzuschalten. Ab und an mal innezuhalten, um den inneren Kompass neu auszurichten und auf ihn zu hören. Der Psalm 139, den Maria für uns gelesen hat, schließt mit den Worten:

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;
prüfe mich und erkenne, wie ich's meine.
Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin,
und leite mich auf ewigem Wege.

Manchmal ist das Vertrauen auf Gott nicht der schlechteste Kompass; das Zutrauen, dass Gott für mich manchen guten Wegweiser aufgestellt hat und ich mich darauf verlassen kann, dass er auch in Sackgassen, in die ich mich verrannt habe, nicht verlässt.

Ein letztes: Ich wünsche euch gute Wegbegleiter.

Weiterhin gutes „Zugpersonal“: Dozentinnen, Professoren, Chefs, die euch ermutigen, die euch fordern, aber nicht überfordern, die euch als Menschen sehen und die euch weiterhelfen, euren Weg zu finden und zu gehen.

Ich wünsche euch gute Freundinnen und Freunde, die euch wertschätzen, den Rücken stärken und auf die ihr euch verlassen könnt. Ich wünsche euch, dass euch der Rückhalt eurer Familie erhalten bleibt, auch wenn ihr jetzt früher oder später aus eurem Elternhaus auszieht.

Ich denke mir: nicht ohne Grund habt ihr euch als biblische Lesung für diesen Gottesdienst den 139. Psalm ausgesucht. Er ist von dem Vertrauen getragen, dass Gott ein verlässlicher Wegbegleiter ist, dessen Liebe weiter reicht, als wir uns vorstellen können; in schönen Bildern beschreibt das der Psalm (und wir werden diese Worte gleich noch einmal vom Chor gesungen bekommen): Selbst wenn man auf den Flügeln der Morgenröte ans äußerste Meer flöge oder in die tiefsten Finsternis ginge, aus Gottes Hand könnten wir auch dort nicht herausfallen. Und das gilt gewiss ebenso für das Auslandsstudium in Australien, wie für eine dunkle Krise im eigenen Leben.

Solches Vertrauen wünsche ich euch. Und dass es euch Mut macht, euch immer wieder neu auf den Weg zu machen. Den Weg ins Leben.

In diesem Sinne:

Mögen sich die Wege vor euren Füßen ebnen, möget ihr den Wind im Rücken haben. Und bis wir uns wieder sehn, möge Gott seine schützende Hand über euch halten.

Amen

C. Picht-Büscher

 

 

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