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Rückblick
2010
Schulnachrichten

Dass es der traditionsreichen Aula-Orgel nicht mehr gut ging, war längst unüberhörbar: Ein jegliches Stück wurde begleitet von merkwürdigem Klappern und Brausen, immer öfter kamen die Töne gar nicht mehr – und was an Musik noch erklang, war farblos und dumpf. Nach der umfassenden Instandsetzung und Neuausstattung der Aula durch den Schulträger wurde ein großer Qualitätsunterschied zwischen Aula und Orgel spürbar. Von diesem Eindruck her, aber auch in steter Verantwortung für dieses große Instrument ergriff der Verein der ehemaligen Schülerinnen und Schüler des Wilhelm-Gymnasiums unter ihrem Vorsitzenden Herrn Rechtsanwalt und Notar Friedrich Hermann Lehmann die Initiative und beauftragte die Braunschweiger Orgelbaufirma Florian Fay mit der vollständigen Restaurierung der Aula-Orgel. Alle Mängel sollten beseitigt werden, ein brillanter Klang sollte wieder zu hören sein.
Wie sich in der Feierstunde zum 125-jährigen Schuljubiläum am 2. Oktober 2010 zeigte, wurde das Ziel erreicht. Bei der Übergabe der restaurierten Orgel waren Gäste und Geldgeber begeistert von dem frischen Erscheinungsbild des Orgelprospekts, von der unerwarteten Farbigkeit des Orgelklangs, von der enormen Breite des musikalischen Ausdrucks und von dem Klangvolumen, mit dem das Instrument mühelos die Aula zu füllen vermochte. In beeindruckender Weise bestätigte das Instrument die Dringlichkeit der Sanierung; und es bestätigte auch, dass die Aufarbeitung in besonderem Maße gelungen ist.
Für die mehr als großherzige Finanzierung durch den Verein der ehemaligen Schülerinnen und Schüler dankt die Schule sehr herzlich! Wir danken allen Mitgliedern des Ehemaligen-Vereins für die Bereitschaft, mit einer erheblichen Summe für die Orgel einzustehen. Wir danken insbesondere dem Vorsitzenden Herrn Fr. H. Lehmann für die Entschiedenheit, mit der er dieses wahrlich nicht alltägliche Projekt in die Hand nahm. Wir danken für seine Bereitschaft, eine hochwertige Restaurierung der Orgel zu gewährleisten.
Gedankt sei an dieser Stelle auch Herrn Orgelbauer und Restaurator Florian Fay, dessen überragende Kompetenz uns nicht nur ein bedeutendes Instrument zurückgegeben hat, sondern der es auch verstand, die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe am Restaurierungsprozess praktisch teilhaben zu lassen, sodass die Monate der Arbeit an der Orgel vielen als interessante Erfahrung in Erinnerung bleiben werden.
Allen Förderern unserer Orgel wünsche ich Freude daran, für jetzige und kommende Schülergenerationen Wichtiges bewirkt zu haben; ich wünsche ihnen das möglichst häufige Vergnügen klangreiner Orgelmusik in unserer Aula.
Thamm van Balen, OStD
aus dem „Restaurierungskonzept für die Orgel in der Aula des Wilhelm-Gymnasiums zu Braunschweig“ der Orgelbauwerkstatt Florian Fay, Braunschweig:
„Die Orgel in der Aula des Wilhelm-Gymnasiums wurde im Jahre 1910 vermutlich von der Hannoveraner Orgelbaufirma Furtwängler & Hammer als zweimanualiges Instrument mit selbstständigem Pedal auf der östlichen Empore aufgestellt. Das Instrument wurde als pneumatische Kegellade mit vermutlich 14 Registern in den drei Gewölbebögen aufgestellt, wobei die Windladen in Höhe der Emporebrüstung montiert wurden. Die Spitzbogenfelder über der Brüstung sind vollständig mit Prospektpfeifen gefüllt, wobei eine große Zahl davon als klingende Pfeifen eingerichtet wurden. Das Bild ergänzende Pfeifen sind teilweise als Holzattrappen ausgeführt. Der Prospekt wurde originell mit verschiedenen Farben gemustert verziert. Der bauzeitliche Magazinbalg steht ebenfalls auf der Empore im Bereich der linken Emporebrüstung. Das Gebläse der Orgel befindet sich oberhalb der Aula auf dem Dachboden an offensichtlich ursprünglichem Standort. Der Spieltisch stand ebenerdig auf der rechten Seite der Aulabühne. Die originale Disposition der Orgel ist aktuell nicht zweifelsfrei zu ermitteln, Einsicht in die Akten sowie Befunde in der Orgel können darüber Klarheit geben.
Etwa 1950 wurde die Orgel durch die Firma Hillebrand, Altwarmbüchen, grundlegend verändert: Die Disposition wurde dem Zeitgeschmack entsprechend „barockisiert“, d. h. es wurden die vornehmlich grundtönigen Stimmen aufgegeben zugunsten höher liegender Register, um – vermeintlich – mehr musikalische Möglichkeiten zu bieten. Bei der Umgestaltung des Klangkörpers wurde eine Vielzahl von Pfeifenmaterial des bauzeitlichen Instruments wiederverwendet. Zugleich wurde ein neuer Spieltisch mit elektrischer Steuerung installiert und die Windladen wurden dementsprechend mit Wippmagneten ausgestattet. (…)
1985 – zum 100-jährigen Jubiläum der Schule – wurde die Orgel einer Revision unterzogen. Diese wurde ebenfalls von der Firma Hillebrand ausgeführt. Bei dieser Maßnahme wurde das Werk gereinigt und instand gesetzt, ohne dass Veränderungen an Konstruktion und Klangkörper vorgenommen wurden. Lediglich der Winderzeuger auf dem Dachboden wurde durch einen neuen ersetzt. In den Windkanal wurde ein Ansaugrohr zum Orgelinnern geführt, um Klimaunterschiede innerhalb der Orgel zu vermeiden.
Nach nunmehr weiteren 25 Jahren ist die Orgel wieder in einem restaurierungsbedürftigen Zustand, was zum einen durch die normale Verschmutzung kommt, zum anderen durch den Verschleiß der Pneumatikbauteile, die teilweise noch aus der Erbauungszeit der Orgel stammen. Durch diese Missstände wird die Orgel zunehmend betriebsunsicher und kläglich im Klang. (…)
Die Wertschätzung des Orgelbauers für dieses Instrument ist begründet in der kulturellen Bedeutung der Aula-Orgel. Ist sie doch eine der wenigen pneumatischen Instrumente aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die noch in der Region vorhanden sind. Auch wenn das Klangbild die Herkunft des Instrumentes verschleiert, stellt die technische Anlage mit pneumatischer Kegellade eine kleine Besonderheit dar, die es zu erhalten gilt.
Darüber hinaus aber ist die größere kulturelle Bedeutung der Orgel ihr Standort als Orgel in nichtsakralem Raum. Waren doch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts Orgeln in Schulaulen durchaus üblich, verschwanden in der Folgezeit die meisten dieser Instrumente. Umso erfreulicher ist es, dass die Verantwortlichen des Schulbetriebs am Wilhelm-Gymnasium sich durch den Zeitgeist nicht davon haben abbringen lassen, die Orgel in ihrer Aula weiter zu erhalten und regelmäßig zu nutzen. Dadurch ist eine für die Stadt Braunschweig kulturgeschichtliche Besonderheit bis zum heutigen Tage erhalten geblieben. Besonders hervorzuheben ist die gelungene architektonische Komposition des originellen Pfeifenprospektes in den Spitzbögen der Empore, der seine Berechtigung durch die konstruktive und klangliche Einbindung in das dahinter befindliche Orgelwerk findet.“
Florian Fay, Orgelbauer und Restaurator, am 10. März 2010