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Rückblick
2010
Schulnachrichten

02.10.2010
Guten Tag,einen herzlichen Glückwunsch zum 125sten Geburtstag überbringe ich als Vertreterin aller Eltern der derzeit hier beschulten Schülerinnen und Schüler.
Vielen Dank für die Einladung zu diesem würdigen Fest!
Wir gratulieren einem Haus, bei dessen Einweihung der damalige Leiter laut Bericht der Tageszeitung im Oktober 1885 gesagt haben soll, Lehrer und Schüler hätten in dem neuen Gebäude gleichsam als geistige Bauleute zu wirken, indem mit Fleiß Wissenschaft und Kunst gepflegt würden, ehrbar und gottesfürchtig.
Wir sind stolz auf dieses nun auch 125-jährige geistige Gebäude.
Gegenwärtig verändert sich die Schullandschaft erheblich. Der im Gründungsjahr zitierten Rede des Schulrats der herzoglichen Landesregierung hätten auch die Eltern heute applaudiert, denke ich. Er sagte, es sei eine Freude, ein neues Gebäude zu übergeben wegen der Jugend, die in diesem Hause hohen Zielen entgegengeführt werde.
Die im Laufe der 125jährigen Geschichte des WG verfolgten pädagogischen Ziele wurden historisch betrachtet und gewertet, mit den gegenwärtigen setzen wir Eltern uns heute auseinander.
Wir fragen uns: Welchen Bildungsbegriff legen die für die Schulverfassung Verantwortlichen zugrunde?
1885 war die Antwort auf diese Frage klar –
humanistisch: Latein und Griechisch - und die Auseinandersetzung mit den Inhalten der Lektüren, die die Fragen des Humanismus thematisieren:
nach der Würde und der Persönlichkeit des Menschen,
dem Wohlergehen des Einzelnen und der Gesellschaft,
nach den schöpferischen Kräften des Menschen,
die zur Entfaltung zu bringen sind zu dem Zweck,
in fortschreitender Entwicklung Würde und Freiheit des Einzelnen zu gewährleisten…
Und heute? –
Den europäischen Nachbarn folgend, wurde die Schulzeit an den Gymnasien um ein Jahr verkürzt. Dies musste eine Reduktion bei den Bildungsinhalten nach sich ziehen. Die meisten Fachgruppen haben die Konzeptionen ja gerade neu erarbeitet.
Als Rechtfertigung dafür, dass die Reduktion der Inhalte nicht zwangsläufig eine Reduktion der Qualität bedeutet, sehe ich die Prägung des Begriffs Kompetenzorientierung. Allerdings ist dieser Begriff mit unterschiedlichen Bildungszielen in Zusammenhang zu bringen.
Verfolgt der kompetenzorientierte Bildungsansatz das Ziel, Arbeitstechniken zu vermitteln, die gewährleisten, dass der Einzelne gut funktioniert in der Arbeitswelt? Geht es darum, junge Menschen zu liefern, die sich einfügen und problemlos zu gebrauchen sind, die beliebige Inhalte lediglich noch anwenden?
Das kann es doch nicht sein! Das kann doch von den Entscheidungsträgern nicht gewollt sein! Denn was bedeutete das?
Selbständiges Denken und verantwortliches gesellschaftliches Engagement wären nicht mehr gefragt! Beides ist aber existentiell notwendig für unsere demokratische Gesellschafts-ordnung.
Wer innerlich frei und unabhängig denkt, akzeptiert die Freiheit des Anderen und fordert diese auch ein!
Wer innerlich frei und unabhängig denkt, kann Positionen entwickeln und souverän vertreten!
Es ist nicht möglich, 50% der Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs, die heute ans Gymnasium kommen, in Originalsprache mit antikem, mittelalterlichem, aufklärerischem und klassizistischem Gedankengut zu konfrontieren.
Gleichwohl sollte dies jedem ermöglicht werden, der dies möchte, weil nicht vergessen werden darf, worin diese Gesellschaft verwurzelt ist.
Die Ganztagsschule kann dies leisten. Auch vielfältigste sonstige Interessen und Begabungen kann sie fördern und zur Entfaltung bringen.
Bei aller Kompetenzorientierung muss die schulische Ausbildung mit den ausgewählten Inhalten auf die Entfaltung mündiger Persönlichkeiten zielen, die ihr Forschen und Handeln reflektieren und das Menschsein grundsätzlich hinterfragen mit:
Schülerinnen und Schüler hier und heute beschäftigt dies, und das ist gut so.
Wenn die Bildungsinhalte reduziert werden, kommt es um so mehr auf die ausbildenden Personen an, damit unsere Kinder handlungsfähig und verantwortungsvoll ins Leben entlassen werden.
Und diese Menschen sind hier am WG und es gab sie hier, solange ich diese Schule kenne.
Viele von ihnen sitzen heute in dieser Aula.
Wir Eltern bitten die Zuständigen und Verantwortlichen: Lasst uns in aktuell angemessener Zahl Menschen, die unsere Kinder ausbilden! Bei der kürzeren Zeit, die die Schülerinnen und Schüler an der Schule verbringen, wird der Bildungserfolg, den sich doch die ganze Gesellschaft wünscht, um so abhängiger von den Persönlichkeiten, die die jungen Individuen zur Entfaltung kommen lassen müssen.
Wir Eltern danken der Stadt Braunschweig für die Anstrengungen um die Renovierung dieses Hauses.
Wir danken den Menschen am Standort der Landesschulbehörde in Braunschweig für ein gutes Miteinander.
Wir danken der Schulleitung und den Lehrerinnen und Lehrern, die derzeit am WG tätig sind.
Wir wirken als Eltern gerne mit Ihnen zusammen, damit dies ein Ort ist und bleibt, wo man zuversichtlich leben, lernen und arbeiten kann - kompetent, verantwortlich und weltoffen.
Sabine Campe
Rede des Schulleiters Herrn Thamm van Balen