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Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler, verehrte Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste!

Als Sprecher des „Kooperationsverbundes Hochbegabtenförderung Braunschweig 1“ und als für die Hochbegabungsförderung am Wilhelm-Gymnasium zuständiger schulfachlicher Koordinator darf ich Sie und Euch in unserer wunderschönen WG-Aula ebenfalls recht herzlich begrüßen.

Mir kommt heute die angenehme Aufgabe zu, anlässlich des 10. Geburtstags unseres Verbundes eine kleine Reise zu unternehmen, in der ich Sie mitnehmen möchte in die Welt der Bücher, in die Welt der Literatur. Dabei werde ich von Laura Welle und Lisa Wittmaier aus dem 10. Jahrgang tatkräftig unterstützt.

Wenn man, wie es heute modern ist, die Begriffe „Hochbegabung und Literatur“ googelt, findet man ein schier unübersehbares Angebot aktueller wissenschaftlicher Literatur, die versucht, sich dem Thema „Hochbegabung“  zu nähern. Dabei sind, schließlich ist auch dieses Themengebiet im Buchmarkt hart umkämpft, häufig scheinbar sehr spezielle Titel nötig, um sich im lauten Rauschen des Hochbegabungs-Blätterwaldes wenigstens etwas Gehör verschaffen zu können. Ein paar Beispiele gefällig? Da gibt es

  • das pädagogische Werk, das an uns selbst höchste Anforderungen stellt. Titel:  „Hochbegab te Kinder klug begleiten“ (man beachte dabei das sorgsam gewählte literarische Stilmittel der Alliteration!)
  • den direkten Draht zu den ganz großen Geistern. Titel: „Was wir mit Mozart,  Freud, Woody und Gandhi gemeinsam haben“ (man beachte dabei das alle  verbindende „wir“!)
  • die scheinbar witzigen Ansätze. Titel: „Kluge Kinder sind nicht anders - nur klüger“ (Alliteration siehe oben, neu ist jetzt der Komparativ!)
  • die Dankbarkeits-Apostel. Titel: „Begabung - ein Geschenk entdecken und  fördern“
  • die Angstmacher: Titel: „Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“ (das „Selbst“ genügt dabei hier nicht, es muss schon das „wahre Selbst“ sein!)
  • die großen Versteher. Titel: „Irrwege eines Hochbegabten“
  • die Freunde des bildhaften Sprechens: Titel: „Das Drehtür-Modell“ (bezeichnenderweise erschienen in der Zeitschrift „Labyrinth“). Oder es gibt
  • die Freunde der Empathie. Titel: „Was geht in uns vor, wenn wir rechnen?“

Für jeden Lesefreudigen und -willigen ist also etwas dabei. Aber hilft uns diese Art der Literatur wirklich weiter? Jedenfalls ist dies eine Spur, der Laura, Lisa und ich in den nächsten ca. 45 Minuten nicht folgen wollen.

Der eben zitierte Titel, der mit Mozart, Freud, Woody und Gandhi, lenkt uns, wenn wir „Hochbegabung und Literatur“ googeln, in eine andere Richtung, in die Richtung biografischer Literatur über hochbegabte Personen oder Persönlichkeiten des politisch-historischen, wissenschaftlichen oder künstlerisch-musischen Bereichs. Dabei taucht eine wiederum endlose Liste bedeutender Namen auf dem PC-Monitor auf, von Napoleon (IQ von 145)  über Einstein (IQ von 160) und Händel (IQ von 170) bis zu hin zu Newton (IQ von 190), Goethe (IQ von 210) und Leonardo da Vinci (IQ von 220). Man könnte beinahe den Eindruck gewinnen, dass jeder, der irgendwann einmal etwas (in Klammern scheinbar) Besonderes geleistet hat, ein Hochbegabter gewesen sein muss, weil sonst diese Leistung ja eben gar nicht hätte erbracht werden können.

Auch dieser anderen, der biografischen Spur möchten wir heute nicht folgen.
Laura und Lisa als Bücherwürmer und mich als Germanisten interessiert die Literatur selbst - also die fiktive, nicht die reale Welt. Unsere Frage lautet also: Hochbegabte in der Literatur, in der erzählenden Literatur, im Roman oder in der literarischen Erzählung - gibt es sie? Ob der Autor dabei auch hochbegabt gewesen ist oder noch ist oder eben nie gewesen ist, interessiert uns dabei zumindest nur sehr am Rande.

Gleich vorweg die ebenso allgemeine wie zentral wichtige Antwort auf unsere Leitfrage:
Ja, es gibt sie, die Hochbegabungen und die Hochbegabten in der Literatur, und zwar gibt es sie für die kleineren, die größeren und für die ganz großen Leserinnen und Leser. Im Folgenden möchten wir Ihnen einige bekanntere und einige vielleicht auch etwas weniger bekannte Beispiele vorstellen:

Alles beginnt mit Hans Giebenrath. „Hans Giebenrath war ohne Zweifel ein begabtes Kind; es genügte, ihn anzusehen, wie fein und abgesondert er zwischen den anderen herumlief“, so beschreibt Hermann Hesse einleitend seinen Protagonisten in der 1906 erschienenen Erzählung „Unterm Rad“. Der Erzähler fährt dann wie folgt fort:

„Über Hans Giebenraths Begabung gab es keinen Zweifel. Die Lehrer, der Rektor, die Nachbarn, der Stadtpfarrer, die Mitschüler und jedermann gab zu, der Bub sei ein feiner Kopf und überhaupt etwas Besonderes“.

Dies sind für uns in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Textstellen. Zum einen scheinen wir es hier - jenseits jeglicher psychologischer Gutachten - mit einer besonderen Begabung zu tun zu haben, die nicht im Verborgenen bleibt und quasi erst noch an das Tageslicht geholt werden müsste, so dass sie für alle, auch für den Betroffenen selbst, sichtbar wird. Weiterhin scheint man das begabte Kind Hans Giebenrath nicht nur daran zu erkennen, dass es von den anderen Schülern isoliert wird oder sich selbst isoliert, sondern die besondere Begabung sieht oder merkt man dem Schüler direkt an. Darüber hinaus ist die Hochbegabung Giebenraths ein Thema in der Gemeinde und in der gesamten Kleinstadt, also nicht nur bei den Lehrern, den Mitschülern und dem Rektor.

Letztendlich scheitert Hans Giebenrath an den übertriebenen Ansprüchen und Erwartungen seiner Umwelt. Arthur Koestler bemerkte in diesem Zusammenhang bissig: „Der Roman enthält ungefähr eine Anleitung für Eltern, Vormünder und Lehrer, wie man einen begabten jungen Menschen am zweckmäßigsten zugrunde richtet“.

Zugrunde gerichtet von seinen Mitschülern – heute würden wir hier eher sagen „gemobbt“ – wird auch Franz Adler, eine der Hauptfiguren in Franz Werfels 1928 erschienenem Roman „Der Abituriententag“, der an einem Prager Gymnasium in der nach dem Ersten Weltkrieg neu gegründeten Tschechoslowakei spielt. „Es war unter den Schülern“, so heißt es im Roman, „allgemein bekannt, daß Adler ein hochbegabter Dichter und Denker sei, Dramen verfasse und philosophische Aufsätze.“ Zunächst bringt Franz diese interessanterweise von Werfel expressis verbis so bezeichnete „Hochbegabung“ Bewunderung und Respekt bei seinen Mitschülern ein. Von einem anderen Schüler namens Robert Fischer, der im Roman ebenfalls als „der Hochbegabte“ tituliert wird, heißt es, dass er „den Binomischen Satz beim ersten Hören erfaßte“ und dass es nie eine Frage gab, die er nicht gebändigt hätte. „Nicht einmal in der frühesten Pennälerzeit konnte es ihm je zustoßen, `ut´mit dem `Indikativ´ zu konstruieren“.

Als Belohnung für die auf Grund ihrer Hochbegabung erzielten schulischen Leistungen dürfen diese beiden Schüler - man höre und staune - „allen Lehrern die Schulheftpakete nach Hause tragen“. Im weiteren Verlauf des Romans allerdings kippt die Stimmung in der Klasse besonders in Bezug auf die Hochleistungen Franz Adlers deutlich um. Franz wird von seinen Mitschülern zunehmend gedemütigt, verhöhnt und gequält und muss die Schule letztendlich schutz- und wehrlos unter dramatischen Umständen verlassen.

Das Leiden an und in der Schule ist also spätestens seit den Zeiten Kaiser Wilhelms II. ein weit verbreitetes Thema in der epischen wie dramatischen deutschen Literatur; man denke an die sogar bis zum Selbstmord führenden Leiden Melchior Gabors und Moritz Stiefels in Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“; man denke an den kleinen Hanno Buddenbrook, der einen normalen Unterrichtstag auch mit größter Anstrengung kaum zu überstehen vermag. Oder man denke an Diederich Heßling, von dem der Erzähler im Roman „Der Untertan“ über die Schulzeit ironisch zu berichten weiß:

„Nach so vielen furchtbaren Gewalten, denen man unterworfen war, den Märchenkröten, dem Vater, dem lieben Gott, dem Burggespenst und der Polizei, nach dem Schornsteinfeger, der einen durch den ganzen Schlot schleifen konnte, bis man auch ein schwarzer Mann war, und dem Doktor, der einem im Hals pinseln durfte und schütteln, wenn man schrie - nach allen diesen Gewalten geriet Diederich unter eine noch furchtbarere, den Menschen auf einmal ganz verschlingende: die Schule. Diederich betrat sie heulend und auch die Antworten, die er wusste, konnte er nicht geben, weil er heulen musste.“

Man denke an Felix Krull, der bei sich eine „wachsende Abneigung gegen dies feindselige Institut“ - gemeint ist natürlich wieder die Schule - beobachtet. Und so kommt es, sagt der Ich-Erzähler Krull,

„daß die Erinnerung an meinen langjährigen Aufenthalt im Zuchthause mich weniger unliebsam berührt als diejenige an die Bande der Knechtschaft und Furcht, in welche die scheinbar ehrenvolle Disziplin des kalkweißen, kastenartigen Hauses drunten im Städtchen die empfindliche Knabenseele schlug.“

Oder man denke an Sten Nadolnys Helden Wilhelm Weitling aus dem 2012 erschienenen, wundervollen Roman „Weitlings Sommerfrische“, in dem der Leser über den Unterricht im humanistischen Traunsteiner Gymnasium u.a. folgendes erfährt:

„Nächste Stunde: Musik. Schule ist etwas Grauenhaftes! Wie viel schöner wäre Lernen, wenn man pro Vormittag nicht an vier oder fünf Fachgebieten würgen müsste wie eine Stopfgans.“
Über den Protagonisten des Romans erfahren wir in diesem Zusammenhang: „Willys innere Uhr läuft anders: Er interessiert sich pro Tag nur für ein einziges Fach, meistens das der ersten Stunde, alle anderen verschläft er souverän.“

Dabei ist nicht jedes literarische Schülerleiden gleich ein hochbegabtes literarisches Schülerleiden, wie wir an einigen unserer bisherigen Textbeispiele bereits haben sehen können. Hier sind im Sinne unseres Themas Differenzierungen und Präzisierungen nötig. Gehen wir also zunächst auf Nummer sicher und wählen wir ein Beispiel aus, an dem wir mit großer Sicherheit das literarische Phänomen der „Hochbegabung in der Schule“ studieren können - greifen wir zu einem ganz Großen der Wissenschaft, zu dem Mathematiker Carl Friedrich Gauß (Zitat: „his IQ was estimated to be between 250 and 300“). Daniel Kehlmann hat Gauß neben Alexander von Humboldt 2005 in seinem Roman „Die Vermessung der Welt“ ein großartiges literarisches Denkmal gesetzt. Als Überleitung von Hans Giebenrath zu Carl Friedrich Gauß kann uns ein Kommentar des Erzählers aus Hesses „Unterm Rad“ helfen: „Ein Schulmeister hat lieber einige Esel als ein Genie in der Klasse“. Das muss man eigentlich noch einmal hören: „Ein Schulmeister hat lieber einige Esel als ein Genie in der Klasse“.

Carl Friedrich Gauß wird am 30. April 1777 in Braunschweig geboren und wächst in ärmlichen Verhältnissen in der Wilhelmstraße 30 auf. In der von ihm besuchten Volksschule spielt die berühmte Anekdote, deren Ursprung auf die Erzählungen von Wolfgang Sartorius von Waltershausen zurückgeht und von der auch Daniel Kehlmann berichtet. Im „Der Lehrer“ überschriebenen Kapitel erleben wir Unterricht im Fach Mathematik:

„Der Lehrer in der Schule hieß Büttner und prügelte gern. Er tat, als wäre er streng und asketisch, und nur manchmal verriet sein Gesichtsausdruck, wieviel Spaß ihm das Zuschlagen machte. Am liebsten stellte er ihnen Aufgaben, an denen sie lange arbeiten mußten und die trotzdem kaum ohne Fehler zu lösen waren, so daß es zum Schluß einen Anlaß gab, den Stock hervorzuholen. Es war das ärmste Viertel Braunschweigs, keines der Kinder hier würde eine höhere Schule besuchen, niemand mit etwas anderem arbeiten als mit den Händen. Er (Gauß) wußte, daß Büttner ihn nicht leiden konnte. So stumm er sich auch verhielt und so sehr er versuchte, langsam wie alle zu antworten, spürte er doch Büttners Mißtrauen, und daß der Lehrer nur auf einen Grund wartete, ihn ein wenig fester zu schlagen als den Rest.

Und dann gab er ihm einen Grund.

Büttner hatte ihnen aufgetragen, alle Zahlen von eins bis hundert zusammenzuzählen. Das würde Stunden dauern, und es war beim besten Willen nicht zu schaffen, ohne irgendwann einen Additionsfehler zu machen, für den man bestraft werden konnte. Na los, hatte Büttner gerufen, keine Maulaffen feilhalten, anfangen, los! Später hätte Gauß nicht mehr sagen können, ob er an diesem Tag müder gewesen war als sonst oder einfach nur gedankenlos. Jedenfalls hatte er sich nicht unter Kontrolle gehabt und stand nach drei Minuten mit seiner Schiefertafel, auf die nur eine einzige Zeile geschrieben war, vor dem Lehrerpult.
So, sagte Büttner und griff nach dem Stock. Sein Blick fiel auf das Ergebnis, und seine Hand erstarrte. Er fragte, was das solle.

Fünftausendfünfzig.

Was?

Gauß versagte die Stimme, er räusperte sich, er schwitzte. Er wünschte nur, er wäre noch auf seinem Platz und rechnete wie die anderen, die mit gesenktem Kopf dasaßen und taten, als hörten sie nicht zu. Darum sei es doch gegangen, eine Addition aller Zahlen von eins bis hundert. Hundert und eins ergebe hunderteins. Neunundneunzig und zwei ergebe hunderteins. Achtundneunzig und drei ergebe hunderteins. Immer hunderteins. Das könne man fünfzigmal so machen. Also fünfzig mal hunderteins.

Büttner schwieg.

Fünftausendfünfzig, wiederholte Gauß, in der Hoffnung, daß Büttner es ausnahmsweise verstehen würde.

Fünfzig mal hunderteins sei fünftausendfünfzig. Er rieb sich die Nase. Er war nahe am Weinen.

Gott verdamm mich, sagte Büttner. Dann schwieg er lange. Auf seinem Gesicht arbeitete es: Er sog die Wangen ein und machte ein langes Kinn, er rieb sich die Stirn und klopfte sich an die Nase. Dann schickte er Gauß auf seinen Platz. Er solle sich setzen, den Mund halten und nach dem Unterricht dableiben.

Gauß holte Luft.

Widerworte, sagte Büttner, und sofort setze es den Knüttel.

Also erschien Gauß nach der letzten Lektion mit gesenktem Kopf vor dem Lehrerpult. Büttner verlangte sein Ehrenwort, und zwar bei Gott, der alles sehe, daß er das allein ausgerechnet habe. Gauß gab es ihm, aber als er erklären wollte, daß doch nichts daran sei, daß man ein Problem nur ohne Vorurteil und Gewohnheit betrachten müsse, dann zeige es von selbst eine Lösung, unterbrach ihn Büttner und reichte ihm ein dickes Buch. Höhere Arithmetik: ein Steckenpferd von ihm. Gauß solle es mit nach Hause nehmen und durchsehen. Und zwar vorsichtig. Eine geknickte Seite, ein Fleck, der Abdruck eines Fingers, und es setze den Knüttel, daß der Herrgott gnaden möge.

Am nächsten Tag gab er das Buch zurück.

Büttner fragte, was das solle. Natürlich sei es schwierig, aber so schnell gebe man nicht auf!
Gauß schüttelte den Kopf, wollte erklären, konnte nicht. Seine Nase lief. Er mußte schniefen.
Na was denn!

Er sei fertig, stotterte er. Es sei interessant gewesen, er wolle sich bedanken. Er starrte Büttner an und betete, daß es genug sein würde.

Man dürfe ihn nicht belügen, sagte Büttner. Das sei das schwierigste Lehrbuch deutscher Zunge. Niemand könne es an einem Tag studieren, schon gar nicht ein Achtjähriger mit triefender Nase.

Gauß wußte nicht, was er sagen sollte.

Büttner griff mit unsicheren Händen nach dem Buch. Er könne sich auf etwas gefaßt machen, jetzt wird er ihn befragen!

Eine halbe Stunde später sah er Gauß mit leerer Miene an. Er wisse, daß er kein guter Lehrer sei. Er habe weder eine Berufung noch besondere Fähigkeiten. Aber jetzt sei es soweit: Wenn Gauß nicht aufs Gymnasium komme, habe er umsonst gelebt. Er musterte ihn mit verschwommenem Ausdruck, dann, wahrscheinlich um seine Rührung zu bekämpfen, faßte er nach dem Stock, und Gauß erhielt die letzte Tracht Prügel seines Lebens.
Am selben Nachmittag klopfte ein junger Mann an die Tür des Elternhauses. Er sei siebzehn Jahre alt, heiße Martin Bartels, studiere Mathematik und arbeite als Büttners Assistent. Er bitte um ein paar Worte mit dem Sohn des Hauses.

Er habe nur einen, sagte der Vater, und der sei acht Jahre alt.

Eben den, sagte Bartels. Er bitte um Erlaubnis, mit dem jungen Herrn dreimal die Woche Mathematik treiben zu dürfen. Von Unterricht wolle er nicht sprechen, denn der Begriff scheine ihm unpassend, er lächelte nervös, für eine Tätigkeit, bei der er vielleicht mehr zu lernen habe als der Schüler.

Der Vater forderte ihn auf, gerade zu stehen. Das sei alles Blödsinn! Er dachte eine Weile nach. Andererseits spreche nichts dagegen.

Ein Jahr lang arbeiteten sie zusammen. Zu Beginn freute Gauß sich auf die Nachmittage, die immerhin die Gleichförmigkeit der Wochen unterbrachen, obwohl er für Mathematik nicht viel übrig hatte, Lateinstunden wären ihm lieber gewesen! Dann wurde es langweilig.“

Gauß ist ein Schüler, der versucht, sich anzupassen, so langsam zu sein wie seine Mitschülerinnen und Mitschüler. Er möchte unter keinen Umständen weder positiv noch negativ auffallen. (Wir werden auf dieses bis heute bei Hochbegabten häufig zu beobachtende Verhalten im späteren Verlauf des Vortrags noch zu sprechen kommen). Einmal jedoch geht Gauß´ Anpassungswille grundlegend schief. Gauß prescht in seinem Nichtlieblingsfach Mathematik vor, schreibt die richtige Lösung auf (natürlich ohne Rechenweg – Achtung: Punktabzüge drohen!), ein Verhalten, das der Schüler selbst als persönlichen Kontrollverlust interpretiert. Gauß hofft dabei, dass der Lehrer, der von binnendifferenzierenden Aufgabenstellungen nichts weiß, ihn als Hochbegabten wenigstens einmal richtig verstehen möge. Diese Hoffnung ist allerdings eine sehr vage, ist Büttner doch, wie er selbst weiß, ein schlechter Lehrer, der wie ein kleiner Sadist gerne und viel prügelt und extra solche Aufgaben stellt, die ohne Fehler eigentlich nicht lösbar sind. Immerhin macht Büttner aus unserer heutigen Sicht auch etwas richtig: Er sorgt für motivierende häusliche Zusatzlektüre, indem er Gauß das anspruchsvolle Lehrbuch der „Höheren Arithmetik“ ausleiht. Gauß arbeitet es allerdings so schnell durch, dass ihm bald wieder langweilig ist; schulische Langeweile bei Hochbegabten ist ein Thema, das bis heute ebenfalls nichts an Aktualität eingebüßt hat.
Der Lehrer Büttner setzt sich - ebenfalls wieder durchaus positiv zu bewerten -  für Gauß´zukünftigen Besuch eines Gymnasiums ein und kooperiert - ganz modern - mit dem Elternhaus, indem er im Sinn einer frühkindlichen Förderung einen speziellen Nachhilfeunterricht für Zuhause installiert.

Hier funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus. In dem 1985 erschienenen Erfolgsroman „Das Parfüm“ von Patrick Süskind findet diese Zusammenarbeit dagegen nicht statt. Über den am 17. Juli 1738 in Paris geborenen, hochbegabten Jungen Jean-Baptiste Grenouille, der selbst nicht riecht, aber alles riechen kann, heißt es im Roman:

„Am ehesten war seine Begabung vielleicht der eines musikalischen Wunderkindes vergleichbar, das den Melodien und Harmonien das Alphabet der einzelnen Töne abgelauscht hatte und nun selbst vollkommen neue Melodien und Harmonien komponierte – mit dem Unterschied freilich, daß das Alphabet der Gerüche ungleich größer und differenzierter war als das der Töne, und mit dem Unterschied ferner, daß sich die schöpferische Tätigkeit des Wunderkindes Grenouille allein in seinem Innern abspielte und von niemandem wahrgenommen werden konnte als nur von ihm selbst. Nach außen hin wurde er immer verschlossener.“

Diese Hochbegabung Grenouilles, die sich, wie wir es selbst aktuell ab und an bei unserern Schülerinnen und Schülern beobachten bzw. eben gerade nicht sogleich beobachten können, spielt sich im Inneren des Jungen ab und dringt somit  - im Unterschied z.B. zu der Hochbegabung Giebenraths - zunächst nicht nach außen, so dass seine Umwelt den Jungen zunächst für den Dorfdeppen und eben nicht wie der Erzähler für ein Wunderkind hält und entsprechend mit den nicht nur für das 18. Jahrhundert typischen Verhaltensmustern und Einschätzungen reagiert. Über die Reaktionen im Elternhaus lesen wir: „Die fällige Züchtigung mit dem Stock ertrug er (Grenouille) ohne Schmerzensäußerung. Hausarrest, Essensentzug, Strafarbeit konnten sein Benehmen nicht ändern.“ Grenouilles Lehrer in der Pfarrschule von Notre Dame de Bon Secours „hielt ihn für schwachsinnig“. Mit den Eltern spricht der Lehrer deshalb selbstverständlich nicht; im Gegenteil: Da Grenouille in eineinhalb Jahren Schule nur gelernt hat, ein wenig zu buchstabieren und den eigenen Namen zu schreiben, wird seine Schulausbildung wegen allgemeiner Erfolglosigkeit endgültig abgebrochen.

Auch in dem 1992 erschienenen Roman „Schlafes Bruder“ des österreichischen Schriftstellers Robert Schneider klappt die Zusammenarbeit von Elternhaus und Schule im Sinne der gemeinschaftlichen  Förderung eines hochbegabten Kindes nicht.
Kurz zum inhaltlichen Zusammenhang: Der Roman „Schlafes Bruder“ erzählt die Geschichte des Bauernjungen Johannes Elias Alder, der Anfang des 19. Jahrhunderts in einem vorarlbergischen Dorf geboren wird. Der Junge, der eine hohe Begabung für Musik zeigt, kann in allen Tonlagen herausragend singen und bringt sich selbst das perfekte Orgelspiel bei. Er ist das personifizierte musikalische Wunderkind, von dem wir eben bei Grenouille im bildhaften Vergleich schon etwas gehört haben. Alders musikalisches Genie verschafft ihm im Dorf  hohes Ansehen, obgleich er aufgrund seines andersartigen Wesens immer ein Sonderling bleibt. Über Johannes Elias Alders schulische Erlebnisse wird u.a. folgendes erzählt:

„In jenen Tagen bemerkte der Lehrer Oskar Alder eine Veränderung an dem Mannkind. In der Schulbank mochte es nicht mehr stillhalten, wetzte ungeduldig den Hosenboden auf und ab, und einmal brach ihm gar die Schiefertafel entzwei. Wenn der Lehrer um Auskunft bat, weil kein Kind mehr Auskunft wußte, schien der Junge vollkommen abwesend. Das ließ den Lehrer stutzen, war Elias doch niemals um eine Antwort verlegen gewesen. Oskar hatte nämlich oft über das Gedächtnis dieses Kindes gestaunt, und auch dem langnasigen Kuraten Beuerlein war es gleich ergangen. Das Kind war in den Dingen der Christenlehre derart beschlagen, wußte so trefflich alle Namen und Geschichten der beiden Testamente herauszusagen, daß sich der Kurat sehr zusammennehmen mußte, um den perlenden Gedanken folgen zu können. Nach der Christenlehre sah man den Kuraten oft die Bibel studieren, die eine oder andere Stelle nachlesen. Gerne hätte Kurat Beuerlein den Elias in die Jünglingskongregation nach Feldberg gegeben, aber das scheiterte am Willen des Vaters. Melken und Mistausführen könne man auch ohne Studiertheit, sagte Seff. Womit er recht hatte, leider.

Der Junge war nicht mehr wiederzuerkennen. Als er in den Schulstunden immer vorlauter wurde, sah sich Oskar Alder einmal genötigt, die Haselrute zu langen und seinem Lieblingsschüler zehn Tatzen in die Finger zu brennen.“

Der Besuch einer weiterführenden Schule scheitert hier am Widerstand des Vaters, der die Zukunft seines Sohnes auf dem heimischen Hof sieht. Dem auch hier wieder seinen Lieblingsschüler prügelnden Lehrer sind weder die besonderen Begabungen seines Schülers noch seine Verhaltensauffälligkeiten entgangen. So ist Johann Elias Alder nach anfänglich guter Beteiligung am Unterrichtsgeschehen jetzt häufig geistig abwesend, aber auch vorlaut, aggressiv und vielleicht, wie wir heute sagen würden, hyperaktiv.

Auch in Ulla Hahns stark autobiografisch gefärbtem Roman „Das verborgene Wort“ (erschienen 2001) setzt sich ein Lehrer, die Geschichte spielt in der Nachkriegszeit im geistfeindlichen rheinisch-katholischen Arbeitermilieu, für seine hochbegabte Schülerin Hildegard Pein, die Ich-Erzählerin des Romans, direkt zu Hause bei den Eltern für eine individuelle Förderung ein - hier immerhin mit dem Erfolg, für Hildegard den Besuch der Realschule durchgesetzt zu haben. Die Ich-Erzählerin, die sich selbst gerade mühsam das Hochdeutsche beigebracht hat und die für das Lesen von Büchern zu Hause immer noch bestraft wird, berichtet:

„Als der Lehrer zu uns kam, verzog der Vater keine Miene. Saß am Küchentisch und schlang sein Essen hinunter, nickte ein paarmal, sagte nichts. Un wer soll dat bezahle? fragte er endlich. Das werde die Gemeinde übernehmen, sagte der Lehrer. Man solle eine Eingabe machen, das Weitere werde er schon regeln.

Ävver nur för de Meddelschool, sagte der Vater, et is doch nur e Weet.

Von Stüssgens Franz, der in Möhlerath bei einem Steuerberater arbeitete, ließ sich die Mutter einen Brief an den Bürgermeister aufsetzen. Das kostete fünf Mark mit Tippen und einem Durchschlag: dafür brachte mir in diesem Jahr der Osterhase nichts. Die Bewilligung kam in der Karwoche. Es war ein Wunder. Ohne Weihwasser und Magie. Ich war nicht heilig, aber auserwählt.“

Kehren wir zurück zu Gauß und Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt“:
Als Gauß 14 Jahre alt ist, hat sich sein mathematisches Genie in Braunschweig so weit herumgesprochen, dass Herzog Carl Wilhelm Ferdinand dem inzwischen das Martino-Katharineum besuchenden Schüler und seinem Lehrer Zimmermann eine Audienz im Schloss gewährt. Kehlmann erzählt darüber wie folgt:

„Der Herzog, ein freundlicher Herr mit zuckenden Augenlidern, erwartete sie in einem goldgeschmückten Raum, in dem so viele Kerzen brannten, daß es keine Schatten gab, nur Reflexionen in den Deckenspiegeln, die einen zweiten, gleichsam umgefalteten Raum über ihren Köpfen schweben ließen. Das sei also das kleine Genie? (…)

Rechne was, sagte der Herzog.

Gauß hustete, ihm war heiß und schwindlig. (…) Mit Verlaub, sagte Zimmermann, da liege ein Mißverständnis vor. Der junge Mann sei kein Rechenkünstler. Im Gegenteil, er sei nicht einmal sehr gut im Rechnen. Doch Mathematik habe, wie Seine Hoheit natürlich wisse, nichts mit Additionskunst zu tun. Vor zwei Wochen habe der Junge, ganz auf sich gestellt, Bodes Gesetz der Planetenentfernungen abgeleitet, danach zwei ihm unbekannte Theoreme Eulers neu entdeckt. Auch zur kalendarischen Arithmetik habe er Erstaunliches beigetragen: Seine Formel zur Berechnung des Osterdatums finde mittlerweile in ganz Deutschland Verwendung. Seine Leistungen in der Geometrie seien außerordentlich. Einiges sei bereits publiziert, wenn auch natürlich unter dem Namen des einen oder anderen Lehrers, da man den Knaben nicht der Verderblichkeit frühen Ruhms aussetzen wolle.

Er interessiere sich mehr fürs Lateinische, sagte Gauß heiser. Auch könne er Dutzende Balladen.

Der Herzog fragte, ob da jemand geredet habe.

Zimmermann stieß Gauß in die Rippen. Er bitte um Entschuldigung, der junge Mann stamme aus groben Verhältnissen, sein Benehmen lasse noch zu wünschen übrig. Doch er verbürge sich dafür, daß nur ein Stipendium des Hofes zwischen ihm und jenen Leistungen stehe, welche den Ruhm des Vaterlands mehren würden.

Also werde jetzt nichts gerechnet, fragte der Herzog.

Leider nein, sagte Zimmermann.

Na ja, sagte der Herzog enttäuscht. Dann solle er das Stipendium trotzdem haben.“

Das Stipendium des Herzogs ermöglicht Gauß ein Studium am Collegium Carolinum, dem Vorgängerinstitut der heutigen Technischen Universität Braunschweig. Dabei zeigt der Herzog durchaus Weitsicht und eine gewisse persönliche Größe, ist er doch eigentlich zunächst enttäuscht darüber, dass Gauß gar nicht richtig rechnen kann und dass er Latein und Deutsch fast mehr zu lieben scheint als die Mathematik.

Die Strategie, die der Lehrer Zimmermann in dieser Textstelle anwendet, verdient dabei meiner Meinung ebenso Respekt wie die letztendliche Entscheidung des Herzogs. Geschickt weist der Lehrer darauf hin, dass sich Mathematik und „Additionskunst“ durchaus unterscheiden und dass der Herzog dies „natürlich wisse“. Zudem verweist Zimmermann eher beiläufig auf die herausragenden mathematischen und sonstigen Leistungen, die Gauß bisher, natürlich zum „Ruhm des Vaterlands“, erbracht habe. Und er nimmt, hier ganz guter Pädagoge, Gauß in Schutz, wenn er sich nicht den Erwartungen des Herzogs gemäß verhält. Der Lehrer Zimmermann ist übrigens ebenfalls keine rein fiktive Figur Kehlmanns. Vorbild ist der Hofrat Eberhard August Wilhelm von Zimmermann, der ab 1766 am Collegium Carolinum in Braunschweig Professor für Mathematik, Physik und Naturgeschichte gewesen ist.
Nach diesen Beispielen aus der Welt der  Erwachsenenliteratur sei nun ein Blick erlaubt auf erzählende Literatur für die jüngeren Leserinnen und Leser. Mein aktuell persönliches Lieblings-Jugendbuch ist die 2007 erschienene, grandiose Detektivgeschichte „The London Eye Mystery“ der leider viel zu früh verstorbenen Sibhan (sprich Schyvonne) Dowd (in Deutschland 2012 erschienen unter dem Titel „Der Junge, der sich in Luft auflöste“).
In dem Buch geht es um die ebenso witzig wie intelligent erzählte Geschichte des Jungen Salim, der eine der großen Glasgondeln des Londoner Riesenrads „The London Eye“  besteigt, aber beim Aussteigen nicht mehr in der Gondel aufzufinden ist - hat er sich also in Luft aufgelöst?

Detektivgeschichten leben davon, dass man den weiteren Verlauf und die detaillierte Auflösung der Geschichte nicht erzählt, also schweigen wir darüber. Nur so viel kann gefahrlos verraten werden. Wie quasi einst Sherlock Holmes mit Dr. Watson macht sich Salims Cousin Ted zusammen mit seiner Schwester auf den Weg, das Problem des unerwarteten Verschwindens von Salim zu lösen. Erzähltechnisch ist dabei wichtig zu erwähnen, dass Ted als Ich-Erzähler des Romans fungiert. Fasst man die über den ganzen Roman verstreuten Informationen über Ted zusammen, ergibt sich in etwa das folgende Persönlichkeitsprofil:

„Ich heiße Ted Spark, bin zwölf Jahre und 188 Tage alt (oder sogar 4571 Tage alt, um die drei Zusatztage der Schaltjahre nicht zu vergessen) und habe ein seltsames Hirn, dessen Betriebssystem sich von dem anderer Leute unterscheidet. Mr Shepard spricht immer von meinem Syndrom. Ich wohne mit Mum, Dad und meiner älteren Schwester Kat in einem kleinen Haus in London. Unser Vorgarten, den ich von meinem Fenster aus sehen kann, misst drei mal fünf Meter und ich habe irgendwann mal ausgerechnet, dass auf dieser Fläche 22500 Briefmarken Platz hätten. Ich weiß, dass ich ein Spinner bin; in der Schule nenne sie mich Strinner, eine Mischung aus Streber und Spinner. Ich sehe Dinge, die andere nicht sehen, und manchmal sehen die anderen Dinge, die ich nicht sehe.

Am meisten interessiere ich mich für das Wetter und die Wettervorhersage und ich werde später einmal bestimmt ein Meterologe. Das Wetter ist ein System. Und ich liebe Systeme. Das Wettersystem ist schwer zu verstehen, weil es so viele Variablen gibt. Und Variablen sind interessant. Besonders gern denke ich über Konvektionsströme, Isobaren und Isothermen nach. Zyklonen drehen sich entgegen dem Uhrzeigersinn. Antizyklonen drehen sich mit dem Uhrzeigersinn. Das heißt, wenn man sich auf der nördlichen Halbkugel befindet. Auf der südlichen ist es genau umgekehrt. Genauso ist es mit dem Wasser, das in einem Abfluss verschwindet: auf der nördlichen Halbkugel verschwindet es entgegen dem Uhrzeigersinn, auf der südlichen mit dem Uhrzeigersinn. Mit dem Londoner Riesenrad verhält es sich übrigens genauso. Ich hatte es mir immer gegen den Uhrzeigersinn drehend vorgestellt. Was auch stimmt, wenn man es vom Südufer der Themse aus betrachtet. Aber wenn man vom Nordufer aus guckt, dreht es sich im Uhrzeigersinn.

Ich kann sehr gut über Fakten nachdenken und darüber, wie Dinge funktionieren, und die Ärzte sagen, dass ich am oberen Ende des Spektrums stehe. Große Dinge, wie z.B. wichtige Fakten über das Wetter, kann ich mir gut merken, kleine Sachen vergesse ich andauernd, zum Beispiel meine Sporttasche. Ich mag es nicht, in meinem Gehirn zu sein. Manchmal ist es wie ein großer leerer Raum, in dem ich ganz alleine bin. Und außer mir ist da nichts. Meine Schwester Kat nennt mich ein Genie, sie sagt: „Niemand kann besser denken als du.“ Sie sagt aber auch: „Du bist wirklich ein guter Denker. Aber du bist nicht gut darin, etwas zu tun.“

Ich springe gerne auf meinem Trampolin herum, aber ich hasse es, Leute zu berühren, Umarmungen, egal welcher Art, kann ich nicht leiden. Meine rechte Hand fängt dann immer an zu schlackern. Manchmal lege ich den Kopf schief, weil man so besser nachdenken kann. Meiner Theorie nach fließt dann mehr Blut in die Gehirnhälfte, die man gerade braucht, je nachdem, wofür. Die linke ist fürs logische Schlussfolgern und analytische Denken zuständig und die rechte für kreative Gedanken – aus dieser Hälfte kommen die Ideen, glaube ich.  
Etwas zählen und mir einen Zeitpunkt merken und mich an etwas erinnern, das kann ich gut. Aber es fällt mir schwer zu beurteilen, ob Menschen sich mögen oder nicht. Ich benutze daher einen Fünfpunkteschlüssel zum Deuten von Gesichtern, den Mr Shepard mir anhand von Comiczeichnungen beigebracht hat:

1. Lippen nach oben, viele Zähne zu sehen = sehr gut gelaunt, fröhlich
2. Lippen nach oben, keine Zähne zu sehen = recht gut gelaunt, zufrieden
3. Lippen zusammengepresst, leicht nach unten = nicht gut gelaunt, ein bisschen ärgerlich
oder auch erstaunt (schwer zu unterscheiden)
4. Lippen zusammengepresst, gleichzeitig gerunzelte Augenbrauen = sehr unzufrieden, wü-
tend
5. Lippen so rund wie ein O und Augen weit aufgerissen = erschrocken, überrascht.

„Körpersprache“ ist eine eigene Art der Kommunikation, wie wenn man Englisch, Französisch oder Chinesisch spricht, aber ohne Worte, nur mit Gesten. Menschen, Schimpansen, Erdmännchen und Stachelrochen können Körpersprache instinktiv verstehen, ohne sie erst erlernen zu müssen. Aber nach Ansicht der Ärzte, die bei mir die Diagnose gestellt haben, sind Leute mit meinem Syndrom dazu nicht in der Lage. Wir müssen Körpersprache lernen
wie eine Femdsprache, und das braucht Zeit.

Wenn ich mit fremden Menschen zusammen in einem Raum bin, versuche ich das jeweilige Alter zu erraten. Dann zähle ich die Jahre, die tatsächlichen oder ungefähr richtigen, aller Anwesenden zusammen. Neulich kam ich auf die Zahl 233 und konnte so errechnen, dass das durchschnittliche Alter dreiundreißig Komma Periode drei betrug. Drei Komma Periode drei ist meine Lieblingszahl, weil sich die Dreien nach dem Komma unendlich oft wiederholen. Sie hören einfach nicht mehr auf.

Ich habe eine Orientierungsschwäche. Ich verwechsele links und rechts. Aufgrund dieser Schwäche kann ich keine Karten lesen. Ich weiß nie, ob ich sie richtig rum oder verkehrt herum halten soll. Aber eine Karte gibt es, die ich lesen kann, nämlich die des Londoner U-Bahn-Netzes. Weil es sich um eine topologische Karte handelt, bewegt man sich in einem System, wo die Zwischenräume einzelner Punkte keine Rolle spielen – worauf es ankommt, ist einzig und allein die Abfolge der Haltestellen und die Punkte, an denen die Linien sich kreuzen. Den Übersichtsplan des U-Bahn-Netzes könnte man auf alle möglichen Arten falten und verdrehen, es bliebe dennoch dieselbe Karte, solange die Kreuzungspunkte dieselben bleiben.

Am meisten interessiert mich im Moment der Coriolis-Effekt. Man kann ihn weder sehen noch berühren, und trotzdem existiert er. Er kann Dinge umlenken. Der Coriolis-Effekt ist eine Kraft, die weltweit eine Menge bewirkt, und er funktioniert wie folgt:

Die Erde dreht sich, wie man weiß. Wenn man auf dem Äquator steht, dreht man sich mit ihr, 40.000 Kilometer innerhalb von 24 Stunden. Man bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von 1670 Kilometern pro Stunde, obwohl es einem dabei so vorkommt, als ob man still stünde. Diese Geschwindigkeit, von der man gar nichts merkt, ist die tangentiale Geschwindigkeit. Aber wenn man am Nordpol steht, legt man überhaupt keine Entfernung zurück. Man dreht sich die ganze Zeit nur auf demselben Punkt. Dort ist die tangentiale Geschwindigkeit gleich null. Der Coriolis-Effekt kommt durch den Unterschied dieser beiden tangentialen Geschwindigkeiten zustande. Wenn man vom Äquator etwas Richtung Nordpol wirft, fliegt es nicht gerade, sondern schief. Das Wurfgeschoss landet ein bisschen weiter rechts. Wenn man aber am Äquator stünde und etwas Richtung Süden schießen würde, würde es statt rechts etwas weiter links landen. Es ist dasselbe wie mit den beiden unterschiedlichen Rotationsrichtungen des abfließenden Wassers.“

Ted Spark hat eine Vielzahl herausragender Fähigkeiten. Er kann präzise rechnen, herausragend denken und arbeitet gerne wissenschaftstheoretisch. Er besitzt einen hohen Intelligenzquotienten, hat ein herausragendes Gedächtnis, hält Vorträge über schwierige physikalische  Phänomene und liebt - eine kleine, aber feine Besonderheit - Primzahlen. Andere Dinge kann Ted dagegen nicht so gut. Er vergisst alltägliche Dinge, mag keinen Körperkontakt, empfindet eine gewisse Art von Einsamkeit, kann mit Körpersprache wenig anfangen und schätzt die Mimik seiner Mitmenschen nicht richtig ein. Er leidet unter einer Orientierungsschwäche, verwechselt rechts und links und kann bestimmte Karten nicht lesen.

Insgesamt zeigt Ted neben seiner hohen Intelligenz durchaus auch autistische Züge, wie sie der österreichische Kinderarzt Hans Asperger bereits 1944 beschrieben hat.

Kaum jemandem ist es meiner Meinung nach so präzise, eindringlich und gleichzeitig sympathisch wie Sibhan (Schyvonne) Dowd gelungen, das Thema „Autismus“ literarisch für junge Leserinnen und Leser zu verarbeiten, ohne dass dabei der Begriff „Autismus“ im Roman Verwendung findet. Der Erzähler spricht nur, wie eben gehört, von seinem Syndrom. Die Geschichte nimmt überhaupt jede Angst vor dem Anderssein, zumal Ted Spark zum eigentlichen Helden  avanciert, da er das sonderbare Verschwinden seines Cousins Salim in Zusammenarbeit mit seiner Schwester aufzuklären vermag.  

Literatur für Erwachsene, die sich mit dem Thema „Autismus“ beschäftigt, ist häufig härter in der Herausarbeitung von Problemen und Konflikten. In ihrem 2011 erschienen Erfolgsroman „Der kalte Himmel“, von Johannes Fabrick sehr glaubwürdig verfilmt mit Gesine Neubauer, Marcus Mittermeier und den Zwillingen Marc und Eric Hermann in den Hauptrollen, zeigt Andrea Stoll in scharfen Kontrasten die Leidensgeschichte des bayrischen Bauernjungen Felix Moosbacher in den 1960iger Jahren, dessen Asperger-Syndrom bei seiner Umwelt und Teilen seiner  Familie weitgehend auf Unverständnis oder Ablehnung stößt. Felix zeigt ähnliche Interessen wie Ted Spark (er kann ausgezeichnet rechnen, hat eine besondere Affinität zu Primzahlen), sein Autismus ist allerdings insgesamt deutlich stärker ausgeprägt. Die zu Rate gezogenen Ärzte diagnostizieren Schizophrenie, die Dorfgemeinschaft bekommt wieder wie im „Parfüm“ ihren Dorfdeppen, den die Lehrer der örtlichen Volksschule auf die Hilfs- oder Sonderschule abschieben wollen. „´Der Amtsarzt glaubt, dass sich der Felix im normalen Unterricht nur quälen würde´, ergänzte der Rektor. ´Wir sollten es ihm nicht zu schwer machen´“ - Inklusion war in der Bundesrepublik des Jahres 1968 wahrlich noch kein Thema.

Über den Verlauf des Weihnachtsgottesdienstes in dem kleinen Hopfenbauern-Dorf in der Hallertau erzählt der Roman wie folgt:

„Fast alle Plätze waren besetzt. Alex Brunner saß bereits an der Orgel und zwinkerte Marie aufmunternd zu. Der Kirchenchor drapierte sich in einem Halbrund um Rektor Meyer, der seinerseits von der Brüstung aus gesehen hatte, wie der Pfarrer gemessenen Schrittes den Altarraum betrat. Er gab Alex ein Zeichen, und sie eröffnete die Christvesper mit den festlichen Klängen von Bachs Toccata in F-Dur.

Eine Viertelstunde später, der Pfarrer hatte längst mit seiner Weihnachtsansprache begonnen, bemerkte Marie (= Marie Moosbacher, Felix´Mutter) von der Empore aus, dass Felix die Kirchenbank seiner Familie verlassen hatte und sich offenbar bei den hinteren Kirchenbänken unter der Orgelempore versteckt hielt.

´Maria aber behielt all diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen`, sprach der Pfarrer und sah zum Kirchrenchor hinauf. ´Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie da gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war´.

Rektor Meyer nickte dem Pfarrer zu und wies dem Chor seinen Einsatz. Alex begann die ersten Takte des thüringischen Volksliedes zu spielen, der Chor stimmte ein. Nun trat Marie wie verabredet ganz dicht an die Empore und begann ihr Solo anzustimmen.

So konnte sie nicht mehr sehen, wie Felix den bereits nach dem Eröffnungslied erstmals gefüllten Klingelbeutel entdeckte, den der Küster an der Hinterseite der letzten Kirchenbank befestigt hatte. Zunächst unbemerkt von der Gemeinde griff er einzelne Münzen heraus und ließ sie über die steinernen Fliesen hin zum Altarraum springen. Wie lustige Räder liefen die Markstücke durch den Mittelgang. Felix war so tief in sein Spiel versunken, dass er Meter für Meter auf Knien hin zum Altarraum rutschte und dabei beständig neue Münzen zum Springen brachte. Einige Besucher waren bereits auf den Jungen aufmerksam geworden, als auch der Huber endlich bemerkte, was sich da nur wenige Meter von ihm entfernt auf dem Kirchenboden abspielte. Oben auf der Empore hatte Marie immer noch nichts von all dem mitbekommen. Sie blieb völlig in ihren Gesang vertieft.

´Maria durch ein Dornwald ging. Der hatte in sieben Jahren kein Laub getragen. Jesus und Maria…´

Die Unruhe in der Gemeinde wuchs, als Marie nach unten sah, glaubte sie vor Scham und Angst in den Boden versinken zu müssen. Der Pfarrer hatte den Jungen am Arm gepackt und schleifte ihn vor den Augen der ganzen Gemeinde auf den Ausgang zu. In den Bänken blickten einige geschockt auf das Schauspiel, andere grinsten oder schüttelten den Kopf.“

Der Vater bleibt aufgrund der Schulsituation seines Sohnes und ob dieses Kirchenerlebnisses vollkommen ratlos: „Einem Jungen, der besser rechnen konnte als manche Volksschulkasse zusammen. Und doch von seinem Rektor für nicht schulfähig gehalten wurde. Mit sich selbst schien das Kind im Reinen, nur das Zusammensein mit anderen wurde oft zum Problem. Aber was fehlte ihm denn? Was war die Ursache für dieses Anderssein?“

Die Spannungen in der Familie nehmen nach dem Weihnachtsgottesdienst dramatisch zu; die Großmutter sieht im Verbund mit dem Pfarrer nach der Plünderung des Klingelbeutels sogar den Teufel im Spiel und startet einen Exorzismus, den Marie gerade noch verhindern kann:

„Maries Schrei durchdrang den ganzen Raum. Da lag Felix, in Kräuterbänder gewickelt, auf einem alten Bett. Seine Arme waren rechts und links an die Bettpfosten geschnallt. Der Pfarrer schwang die Weihrauchschale und betete gemeinsam mit Elisabeth, die ihren Rosenkranz unaufhörlich durch die Finger gleiten ließ. Felix zitterte am ganzen Körper vor Kälte und Angst. Außer sich vor Entsetzen stürzte Marie auf ihn zu, doch Elisabeth versuchte, ihr Eingreifen zu verhindern.

´Marie!´,  beschwor sie ihre Schwiegertochter. ´Der Junge ist nicht normal. Hier sind Kräfte am Werk, gegen die seid ihr machtlos´.

Wie eine Rasende stieß Marie sie zur Seite, riss die Bänder, die ihren Sohn fesselten, entzwei und versetzte dem Pfarrer, der ihre Hand festhalten wollte, einen Schubs. Tränen liefen ihr über das Gesicht, als sie ihren Jungen endlich aus dem Bett hochreißen, an sich drücken und befreien konnte.

´Einen Teufel wollen sie aus ihm machen, einen Teufel. Aber er ist doch ein Kind´.“

Überhaupt ist es jetzt Marie, die sich gegen den Widerstand ihrer Familie für Felix einsetzt. Sie verlässt mit ihm die bayerische Provinz, um in München und im Berlin der 68er-Zeit ärztliche Unterstützung zu finden. So lässt sich das Buch mit Gewinn auch als ein Emanzipationsroman lesen, der viele interessante Facetten der Geschichte der Bundesrepublik dieser Jahre widerspiegelt.

Wenn man sich mit dem Thema „Hochbegabung“ beschäftigt, sei es in der wissenschaftlichen Literatur, bei Tagungen oder in Gesprächen mit Eltern, Schülern und Lehrern, gilt ein großes Interesses den sog. „Minderleistern“ oder „Underachievern“. Hierbei handelt es sich, einfach gesagt, um besonders begabte Schülerinnen und Schüler, die in ihren tatsächlichen schulischen Leistungen deutlich hinter ihren auf Grund ihres Intellekts potenziell möglichen Leistungen zurückbleiben – wobei „Underachiever“ von der Begrifflichkeit her zunächst deutlich abwertend gemeint war.

Findet dieses Thema in der fiktiv-erzählenden Literatur ebenfalls Beachtung? Hier lautet die grundsätzliche Antwort wiederum eindeutig „ja“. Wie eben beim Themenfeld „Autismus“ seien auch hier zwei unterschiedliche literarische Beispiele exemplarisch vorgestellt:

In dem ebenso anspruchsvollen wie witzigen Roman „L´Elegance du hérisson“ der französischen Schriftstellerin Muriel Barbery (erschienen 2006, in Deutschland 2008 mit dem Titel „Die Eleganz des Igels“) tritt als eine der Hauptfiguren das Mädchen Paloma auf. Ebenso wie Ted Spark in „The London Eye Mystery“ ist sie zwölf Jahre alt, lebt aber im Unterschied zu Ted als Tochter einer auch politisch einflussreichen Familie nicht in London, sondern in einem Luxusappartement in Paris. Paloma stellt sich den Leserinnen und Lesern als Ich-Erzählerin folgendermaßen vor:

„Der Zufall will, daß ich sehr intelligent bin. Außergewöhnlich intelligent sogar. Im Vergleich mit den Kindern meines Alters besteht ein Abgrund. Da ich keine große Lust habe, daß man auf mich aufmerksam wird, und da in einer Familie, in der die Intelligenz das Höchste ist, ein hochbegabtes Kind nie seine Ruhe hätte, versuche ich, meine Leistungen im Collège einzuschränken, doch selbst so bin ich immer noch Klassenbeste. Man könnte meinen, es sei ein leichtes, eine normale Intelligenz vorzuspielen. Weit gefehlt! Man muß sich ganz schön anstrengen, um sich dümmer zu stellen, als man ist. Aber in gewisser Weise hindert es mich nicht daran, vor Langeweile umzukommen: Die ganze Zeit, die ich nicht damit zubringen muß, zu lernen und zu verstehen, verwende ich darauf, den Stil, die Antworten, die Vorgehensweisen, die Sorgen und die kleinen Fehler der normalguten Schüler nachzuahmen. Ich lese alles, was Constance Baret, die Zweite der Klasse, in Mathe, Französisch und Geschichte schreibt, und so lerne ich, was ich machen muß: in Französisch eine Folge von zusammenhängenden und richtig geschriebenen Wörtern, in Mathe die mechanische Wiedergabe von Operatoren ohne Sinn und in Geschichte eine Folge von Tatsachen, die durch logische Elemente miteinander verbunden sind. Doch selbst verglichen mit den Erwachsenen bin ich viel schlauer als die meisten von ihnen.“

Eine, wie wir finden, für unser Thema wiederum sehr interessante Textstelle. Ein hochbegabtes Kind -  der Begriff der „Hochbegabung“ wird in der Textstelle expressis verbis genannt -  ist, auch hier wieder Ted Spark sehr ähnlich, in besonderer Weise in der Lage, sich, seine Situation und seine Umwelt genau zu analysieren. Paloma ist deutlich intelligenter als die anderen Kinder ihres Alters, sie sei sogar, so meint sie, intelligenter als die meisten Erwachsenen. Daher leidet sie, hier durchaus Gauß ähnlich, manchmal unter Langeweile. Interessant für unser Thema ist, dass Paloma versucht, wiederum mit Gauß vergleichbar, ihre besonderen Begabungen und Fähigkeiten z.B. vor ihren Mitschülerinnen und Mitschülern und vor den Lehrern bewusst zu verstecken. Im Unterschied zu Gauß weitet Paloma ihr Minderleisterinnen-Versteckspiel auf  ihre eigene Familie und im Besonderen auf ihre Eltern aus – eine ganz neue und spannende Hochbegabungs-Facette in einer Eltern-Kind-Beziehung.

Paloma möchte keine Aufmerksamkeit erregen und auf keinen Fall besonders herausragen! Wie hieß es noch in der „Vermessung der Welt“ über den Schüler Gauß: „Er wünschte nur, er wäre noch auf seinem Platz und rechnete wie die anderen“. Paloma ist eine Underachieverin, die ihre Minderleistung nicht durch Faulheit erreicht, sondern durch, so paradox das jetzt auch klingen mag, große Energie und Selbstdisziplin. Paloma ist ständig darum bemüht, das schwächere Leistungsniveau ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler zu erreichen. Deshalb studiert sie die Arbeiten der anderen, um zu erfahren, wie wenig sie wissen muss in Französisch oder Mathematik: „Man muß sich ganz schön anstrengen, um sich dümmer zu stellen, als man ist.“

Paloma zeigt uns hier exemplarisch das Phänomen des Underachievments als Anstrengung, aber in ihrem Fall in gewisser Weise auch das Scheitern ihrer Bemühungen (immerhin bleibt sie die Klassenbeste!).

Auch Lilo Lametta, die Hauptfigur des 2011 erschienenen gleichnamigen Kinderbuches von Yvonne Kopf, ist eine hochbegabte Underachieverin. Über die Viertklässlerin wird berichtet:

„Lilo war eine gute Schülerin, aber sie hatte ein Problem: Aus lauter Angst meldete sie sich sehr selten, obwohl sie immer alle Antworten kannte. Dazu hatte sie ein super Gedächtnis und konnte sich einfach alles merken, was einmal in ihrem Kopf drin war. (Lilo) hatte solche Angst, ausgelacht zu werden, dass sie entweder gar nichts sagte oder absichtlich falsche Antworten gab. In den Diktaten baute sie extra drei bis fünf Fehler ein, in der Mathematikarbeit schrieb sie falsche Zahlen hin.“

Und die Lehrerin? „ Frau Lustig war zwar nett, aber sie merkte von all dem nichts, weil sie nicht genau genug hinsah, wenn Lilo ihre Arbeit überprüfte und Fehler rein- statt rausmachte.“

Die Parallelen zu Gauß und Paloma sind augenfällig. Allerdings kommt Lilos Lehrerin im Vergleich zu den Lehrern Büttner und Zimmermann deutlich schlechter weg, weil sie zwar nett ist, aber das eigentlich Problem nicht erkennt. Für Lilo, die Minderleisterin aus Kalkül, ist es darüber hinaus besonders schwer, ihre Fähigkeiten zu verbergen, weil sie über eine besondere Begabung verfügt, die keine der bisher in diesem Vortrag vorgestellten literarischen Figuren besitzt: Lilo kann nämlich die Gedanken ihrer Mitmenschen lesen! „Wer so etwas Besonderes konnte, war für die anderen bestimmt eine Art Monster!“ Und es kommt noch besser: Lilos Freund Jonas kann durch die Zeit reisen, in die Vergangenheit und in die Zukunft. Und Lilos Tante Ju reist in Sekundenschnelle durch den Raum, von Ort zu Ort und von Stadt zu Stadt!

Begabungen dieser Art sollten dann doch wohl eher zum Thema eines anderen Vortrags werden. Gehen wir zum Schuss noch einmal zum Anfang zurück. Dort hieß es: „Alles beginnt mit Hans Giebenrath.“  Stimmt das so? Was ist eigentlich mit den besonderen Begabungen in der Literatur vor 1906 - gibt es sie?

In dem 1777 von Goethe ohne Wissen Johann Heinrich Jung-Stillings herausgegebenen ersten Teil des weitgehend autobiografischen Bildungsromans mit dem Titel „Henrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre und Wanderschaft“ lesen wir über den im Siegerland unter Bauern, Kohlenbrennern und Handwerkern Aufwachsenden:

„Henrich Stilling war die Freude und Hoffnung seines Hauses“, weil er „einen unerhörten Kopf, etwas zu lernen“ besaß. Der besonderen Begabung des Jungen nimmt sich in dieser dörflichen Welt des 18. Jahrhunderts, wen wundert es, zunächst der Pastor an: „Pastor Stollbein sah wohl, daß unser Knabe etwas werden würde, wenn man nur etwas aus ihm machte; daher kam es bei einer Gelegenheit, da er in Stillings Hause war, daß er mit dem Vater und Großvater von dem Jungen redete und ihnen vorschlug, Wilhelm sollte ihn Latein lernen lassen.“ Als sich bei den hier die bäurische Autorität vertretenden Männern die Begeisterung ob dieses Vorschlags zunächst deutlich in Grenzen hält, legt der Pastor, wie sich die Erzählmuster doch ähneln, noch einmal nach: „Soll was Rechts aus ihm werden, so muß er Latein lernen, wo nicht, so bleib er ein Lümmel“.

So beginnt Henrich Stilling also, nachdem die Kostenübernahme geklärt ist, in Florenburg mit dem Lateinunterricht und trifft dabei auf den Schulmeister Weiland, der, sagen wir es modern, individuelle und binnendifferenzierende Hochbegabungsförderung betreibt: „Der Schulmeister Weiland merkte seinen fähigen Kopf (…); daher ließ er ihn ungeplagt; und da er merkte, daß ihm das langweilige Auswendiglernen unmöglich war, so befreite er ihn davon“.

Ehe ich mich jetzt mit zunehmender Begeisterung in der literarischen Welt des 18. Jahrhunderts zu verlaufen beginne, möchte ich für heute besser schließen. Bedanken möchte ich mich besonders bei Lisa und Laura, die mich beim Vortragen so wunderbar unterstützt haben und bei Ihnen, meine verehrten Zuhörerinnen und Zuhörer dafür, dass Sie so zahlreich erschienen sind und damit ihr Interesse bekunden am Thema der Hochbegabungsförderung, um das wir uns seit nunmehr zehn Jahren in unserem „Kooperationsverbund Hochbegabtenförderung Braunschweig 1“ und damit auch am Wilhelm-Gymnasium intensiv bemühen.

Vielleicht haben Sie, gespiegelt in der Welt der Literatur, etwas über Hochbegabungen erfahren können, was Sie bisher so nicht gewusst oder gesehen haben, oder Sie haben zumindest ein paar Denkanstöße mit Blick auf unser Thema erhalten. Wenn dem so sein sollte, würde es die Referentinnen und den Referenten sehr freuen. Vielleicht verspüren Sie bei sich den Wunsch, das eine oder andere hier vorgestellte literarische Werk einmal selbst in die Hand zu nehmen und zu lesen - auf dem Büchertisch hinten in der Aula liegen die im Vortrag behandelten Bücher zumindest zu einer kurzzeitigen Einsichtnahme für Sie bereit.     
Die Schlussworte seien, dem Thema unserer kleinen Reise in die Welt der Bücher geschuldet, einer unserer literarischen Figuren, nämlich Lilo Lametta, und einem unserer Schriftsteller, nämlich Daniel Kehlmann, überlassen. Lilo sagt am Ende ihrer Geschichte:

„Sie hatte seit dem viel über sich gelernt. Vor allem, dass jeder Mensch, also auch sie, einen
eigenen Wert hat, egal was andere konnten.“

Und Daniel Kehlmann meint in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 9. Februar 2006:

„Es ist einer der radikalen Grundirrtümer der Medienwelt unserer Tage, dass es für Dinge mit
Niveau und Anspruch kein Publikum gäbe.“

 

 

 

    Fotos: R. Heydenreich

 

 

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