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In Merkels Wohnzimmer. Schülerinnen und Schüler des WG zu Gast im Bundeskanzleramt

10.11.2015: Quizfrage: Angela Merkel hat als Jugendliche

  1. in den Herbstferien Kartoffeln geerntet
  2. in der Jugendorganisation der SED gelernt, wie man eine Ecke mauert
  3. als Mitglied des schulischen Kulturkomitees für einen Eklat gesorgt
  4. bei den geselligen Abenden an der Uni die Alkoholika ausgeschenkt.

Die Antwort gibt es nach der Werbung.

Zunächst einmal: Der Anlass dieser Frage ist ein bedeutender. Der Ergänzungkurs Geschichte des 12. Jahrgangs war zu Gast im Bundeskanzleramt. Geladen zu einer Diskussionrunde mit der Bundeskanzlerin zum Thema „25 Jahre Deutsche Einheit. Was lehrt uns die DDR“? Frau Huhn hatte mit ihren Schülerinnen und Schülern an einem Wettbewerb mit dem Titel „Auf Spurensuche – Was war die DDR?“ teilgenommen. Diesen Wettbewerb – initiiert von der Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Länder, der Deutschen Gesellschaft und dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie – hatte der Kurs mit einem fiktiven, den Alltag in der ehemaligen DDR realistisch abbildenden Zeitungsprojekt unter 500 Einsendung von 270 Schulen aus ganz Deutschland souverän gewonnen.

Nach der Preisverleihung am 29.6.2015 im Wirtschaftsministerium war die Diskussionrunde mit Angela Merkel am 13.10.2015 der Extralohn für die erfolgreiche Arbeit. Dazu waren neben den WG-Schüler sieben weitere Schulen mit insgesamt rund 150 Schülerinnen und Schülern aus dem ganzen Bundesgebiet eingeladen, um die zwar in Hamburg geborene, aber im brandenburgischen Templin aufgewachsene Bundeskanzlerin zu ihren Erfahrungen mit dem System DDR in Schule und Studium in anderthalb Stunden zu befragen.

Und man fragte sich, ob die gewiefte Staatsdame Merkel überhaupt als Mensch nahbar sein würde. Ob sie nicht vielmehr die zwar auskunftsfreudige, aber im Allgemeinen, Unverbindlichen verharrende Politikerin bleiben würde, die sich keinen verbalen Fehltritt erlauben kann. Hier, im Zentrum des Kanzleramts, dem großen Konferenzraum, in dem sonst internationale Größen oder Ministerpräsidenten zu Gast sind.

Doch sie trat nicht auf. Sie kam einfach, nahm Platz und schien völlig unkompliziert. Der abstrakte Raum wurde zur Wohnzimmeratmosphäre. Merkel folgte den Fragen der Moderatorin Christiane Stenger und der Schülerinnen und Schüler hochkonzentriert und begann zu plaudern, immer ausführlicher, hellwach, ganz in der Situation.

Man hörte unbeschönigt, dass jeder das repressive System durchschauen konnte, wenn er nur wollte. Dass man lernte, sich systemkonform zu verhalten, wenn man keinen Ärger bekommen wollte, sich Nischen suchte, um einigermaßen unbehelligt durchzukommen. Merkel war keine Revoluzzerin und erlebte doch direkt die Unfreiheit: Ihre Mutter durfte, als Pfarrersfrau, nicht den erlernten Beruf einer Lehrerin ausüben, obwohl ihre Fächer, Englisch und Latein, gesucht waren. Die Familie war wegen der Westverwandtschaft ohnehin verdächtig, vielleicht auch sensibilisiert, da durch Kleidung, Musik, eingeschmuggelte Zeitungen mehr Austausch mit dem Klassenfeind da war als bei den meisten anderen. Dass die spätere Bundeskanzlerin Physik studierte war eine Notlösung. Sie ließ durchblicken, dass Psychologie oder das Lehramt für sie wohl interessanter gewesen wären, unter anderen Umständen, denn das wäre der eher geduldeten als geförderten Pfarrerstochter niemals erlaubt worden.

Bei aller Privatheit, die sich im Laufe der Diskussion entwickelte, blieb Merkel doch immer Politikerin. Ein Schüler wollte gegen Ende wissen, ob für sie die DDR ein „Unrechtsstaat“ gewesen sei. Merkel hielt kurz inne und entgegnete: Ja, es war eine Diktatur. Womit sie den Begriff Unrechtsstaat, der politisch umstritten ist, vermied. Denn anwesend waren nicht nur der Tagesspiegel und die Berliner Zeitung, sondern auch die dpa. Und das Wort Unrechtsstaat wäre, wie jede andere politisch brisante Äußerung Merkels, sofort über den Presseticker gelaufen: als Person jederzeit im Rampenlicht. Was man besonders irritierend zu Beginn der Veranstaltung erleben konnte: In der Stille kurz vor Beginn öffneten sich die Türen, rund ein Dutzend Fotografen und Kameraleute feuerte für wenige Minuten ein Blitzlichtgewitter durch den Raum und verschwand ebenso abrupt, wie es gekommen war.

Die Frau namens Merkel, die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, die ehemalige DDR-Bürgerin. Sie hat übrigens alles getan: Kartoffeln geerntet, Mauern gelernt, mit einem Ringelnatz-Gedicht, das auf die Mauer anspielte, ihrem Jahrgang eine Kollektivstrafe eingehandelt und, ja, sie, die sich als „sehr gesellig“ bezeichnete, gab auf Feiern gerne „die Bardame“.

Zum Abschluss gab es noch ein Gruppenfoto mit der typischen Merkel-Raute in der Handhaltung, und schon verschwand sie, eskortiert von Bodyguards, ebenso geräuschlos, wie sie gekommen war.

Für die Schülerinnen und Schüler und die begleitenden Lehrer, Frau Huhn und Herrn Dr. Huber, war es eine sehr aufschlussreiche und emotional nachwirkende Veranstaltung.

Dr. A. Huber

 

 

  Fotos: Alia Atassi, A. Huber