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Heinrich Jasper

Michaelis 1894 war in der Geschichte des Wilhelm-Gymnasiums ein besonderer Abiturientenjahrgang, denn erstmals verließen Schüler die Anstalt, die als Sextaner den Anfang hier gemacht hatten. Von den 32 Abiturienten wurden 3 bedeutende Universitätsprofessoren, 7 Ärzte, 7 Regierungsbeamte und 5 Juristen, darunter der spätere Rechtsanwalt und Notar Heinrich Jasper, der allerdings erst vier Jahre zuvor nach Braunschweig gekommen und in diese Klasse eingetreten war.

Heinrich Jasper, am 21. August 1875 in Dingelbe Krs. Marienburg geboren, stammte aus einem Bauerngeschlecht, das stolz darauf war, schon seit dem 16. Jahrhundert in Bornhausen/Harz bei Seesen ansässig zu sein. Heinrichs Vater, Carl August, dort 1822 geboren, hatte in Dingelbe das Rittergut gepachtet, die Tochter eines aus Braunschweig stammenden und in Zürich lebenden bedeutenden Professors der Medizin geheiratet und galt landweit als sehr wohlhabend, ja sogar als mehrfacher Millionär. Daß der junge Heinrich schon als Schüler, im Alter von 10 bis 14 Jahren, sich für sozialistische Gedanken begeisterte, verdankt er denn auch nicht seiner eigenen Familie, sondern der Erziehung, die er seit seinem 6. Lebensjahre in der Familie eines mit dem Vater befreundeten Forstmannes erfuhr, weil im Hause Jasper der Haussegen derart schief hing, daß der Vater seinen Kindern diese Atmosphäre nicht zumuten wollte.

1886 wurde die Ehe der Eltern geschieden, der Vater zog nach Braunschweig, wo der Sohn Heinrich alsbald das Neue Gymnasium besuchte, um nach dem Abitur Jura zu studieren, und zwar in München, Leipzig und - wie sein Konabiturient aus der Oster-Abteilung, Friedrich Werner von der Schulenburg - Berlin. Jasper und von der Schulenburg absolvier­ten gleichzeitig in Braunschweig das erste Staatsexamen, das Referendariat und 1901 das 2. Staatsexamen. Während von der Schulenburg im gleichen Jahre nach Berlin zurückging, um dort später im diplomatischen Dienst Karriere zu machen, eröffnete Jasper in der Dankwardstraße in Braunschweig eine Anwaltspraxis.

1902 entschloß sich Jasper zum Eintritt in die SPD und zum Engagement in der Kommunalpolitik. 1903 kandidierte er für seine Partei in dem überwiegend mittelständischen und großbürgerlichen Wahlbezirk zwischen Fallersleber- und Steintor und schlug seinen konservativen Kon­trahenten von der Welfenpartei mit 1137 von 2257, d.h. mit über 50% der abgegebenen Stimmen, so daß er als erster Sozialdemokrat das damals neue Ostviertel um die herrschaftliche Kaiser-Wilhelm-Straße im Stadt­parlament vertrat. Namentlich auf dem Gebiete der Finanzpolitik, wo er sich rasch den Ruf eines hervorragenden Experten verschaffte, und in der Bildungs- und Schulpolitik wirkte er erfolgreich nicht nur im Interesse der von ihm vertretenen Arbeiterschaft, sondern im wahrsten Sinne für das Gemeinwohl im Interesse aller Bürger der Stadt.

Während des Krieges war Jasper Soldat und politisch dadurch „neutralisiert“, trotzdem blieb sein Einfluß auf die Partei in Braunschweig ebenso ungebrochen wie sein Ansehen bei seinen Gegnern, den in Stadt und Land Braunschweig herrschenden Bürgerlichen. Als daher Anfang November 1918 die revolutionären Unruhen ausbrachen, ließ die Herzogli­che Staatsregierung telegraphisch Jasper nach Braunschweig zurückru­fen, damit er - sozusagen der Friedrich Ebert Braunschweigs - die revoltierenden Arbeiter unter Kontrolle bringe. Tatsächlich gelang es ihm dank seiner unbestrittenen Autorität, die SPD Braunschweigs geschlossen auf den Weg zum demokratischen Parlamentarismus zu führen, gegen die in der Stadt zahlenmäßig überlegene Unabhängige sozialdemokratische und die moskautreue, allerdings unbedeutende Kommunistische Partei, die am 8. November 1918 eine Räteregierung ausgerufen hatten.

Als trotzdem der neugewählte Landtag eröffnet und Dr. Jasper einstimmig zu seinem Präsidenten gewählt wurde, behauptete er konsequent den Anspruch des Parlaments auf alleinige Entscheidungskompetenz. In diesem Sinne wirkte der inzwischen auf Verfassungsrecht spezialisierte Jurist als Abgeordneter der Nationalversammlung auch an der Weimarer Reichsverfassung mit. Als im März 1919 die Reichsregierung ein Freikorps unter General Maercker nach Braunschweig schickte, um den Versuch der Radikalen zur Errichtung einer „Unabhängigen sozialistischen Republik Braunschweig“ zu vereiteln, wurde Dr. Jasper Ministerpräsident, zunächst von Maercker eingesetzt, später von der Mehrheit des neuen Landtages gewählt.

Durch die Wirren und Unruhen der Inflationszeit hindurch hat er in dieser Position, vorübergehend auch als Fraktionsvorsitzender der meist stärksten Landtagsfraktion, die Geschicke des Landes Braunschweigs maßgeblich gestaltet. Nach einer dreijährigen Unterbrechung durch eine bürgerliche Regierung übernahm er das Amt wieder in den kritischen Jahren von 1927 bis 1930 und leistete nach dem Eintritt der NSDAP in die braunschweigische Landesregierung im Herbst 1930 mit allen legalen Mitteln energischen Widerstand gegen die unverzüglich einsetzende totale Machtergreifung. Als im März 1933 der brutale Terror über Kommunisten und Sozialdemokraten einbrach, war Dr. Jasper unter den ersten Opfern. Nach qualvollen Folterungen und zweijähriger Gefängnishaft, ohne auch nur den Schein einer Rechtmäßigkeit, wurde er in das bekannte Konzentrationslager Dachau, später Oranienburg geschickt.

Erst 1939 gelang es einflußreichen Freunden, Hitler persönlich zu einem Freilassungsbefehl zu veranlassen. Nach dem gescheiterten Putschversuch vom 20. Juli 1944, an dem sein Konabiturient Graf von der Schulenburg beteiligt war, verhafteten die Verfolger auch Jasper erneut. Am 19. Februar 1945 in den frühen Morgenstunden fanden Mithäftlinge den infolge völliger Entkräftung und Mißhandlungen zusammengebrochenen Jasper tot im Schlamm vor der verseuchten Baracke.
Die Stadt Braunschweig ehrte diesen gütigen Menschen und aufrechten Demokraten in angemessener Weise u.a. durch Umbenennung der zerstörten Kaiser-Wilhelm-Straße in Jasperallee.

E.-A. Roloff

Quelle: 100 Jahre Wilhelm-Gymnasium Braunschweig 1885-1985 – Festschrift zum 100jährigen Jubiläum des Wilhelm-Gymnasiums, Hgg. v. Schulleitung und Kollegium des Wilhelm-Gymnasiums, S. 232 ff.

 

 

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